Oldenburg „Ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Was Franz Kafka (1883–1924) da in seinem Romanfragment „Der Prozess“, dessen Bühnenfassung am Sonnabend im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters Premiere feierte, entwirft, klingt zunächst absurd.

Es ist die Geschichte von Josef K., der unversehens festgenommen wird. Eines Morgens erwarten ihn drei Männer, die ihn über einen Prozess gegen ihn in Kenntnis setzen. K., der sich trotz Verhaftung aber frei bewegen darf, begibt sich auf die Suche nach den Anklägern und den Vorwürfen, die gegen ihn erhoben werden. Statt aber eine Antwort auf seine Fragen zu erhalten, verliert er sich in einem Strudel surrealer Bürokratie mit seinen undurchdringbaren Hierarchien.

Jeder um ihn herum scheint von dem Verfahren zu wissen, jeder auch Teil des Gerichts zu sein. So reicht diese Institution immer weiter in K.’s Leben hinein und er wird zugleich immer mehr Teil des Gerichts, bevor er schließlich hingerichtet wird.

Christina Rast konzentriert sich in ihrer insgesamt sehr stimmigen Inszenierung besonders auf Josef K. Sie arbeitet gleichzeitig detailliert die Widersinnigkeit und Absurdität des Unterfangens heraus – durch die Uniformität der weiß geschminkten Anzugträger um K. sowie durch deren triebgesteuertes Handeln, durch das affektierte Gerede der Wächter oder durch die freien Türen im Raum.

An einigen Stellen gerät die Inszenierung arg plakativ, etwa in der deutlich überzeichneten Figur der Vermieterin Frau Grubach, durch die Szenerie um den Künstler Titorelli oder durch die übergroßen, abgerissenen Hände, die K. nach der Hinrichtung in die Lüfte ziehen.

Denis Larisch gibt einen großartigen Josef K. ab, dem man die äußerliche und innerliche Entwicklung vom eigenständig Denkenden und Agierenden zum Mitläufer abnimmt. Seine sechs Kollegen – Sebastian Herrmann, René Schack, Rüdiger Hauffe, Eike Jon Ahrens, Antonia Labs und Andreas Dobberkau – füllen jeweils mehrere Rollen aus.

Sie verkörpern sehr gelungen die nur auf den ersten Blick individuellen Mitglieder einer Kontrollgesellschaft. In der ist die Überwachung unsichtbar geworden und die Macht nicht mehr an Individuen gebunden, sondern systemimmanent.


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