Lomé /Westerstede „Wie ein Hauch norddeutscher Kühle glitzern in der tropischen Hitze Afrikas 100 000 blaue, violette und goldene Mosaiksteinchen. Von Oldenburger Künstlerhand zu einem eindrucksvollen Bildnis zusammengefügt, schmücken sie die Fassade des von der Bundesrepublik Deutschland in Lomé, der Hauptstadt Togos, erbauten Hygiene-Instituts“, schwärmte der Autor dieser Zeitung am 13. April 1968.

Gerade war Georg Schmidt-Westerstede nach seinem vierwöchigen Afrika-Aufenthalt in die österlich herausgeputzte, aber durch das Dutschke-Attentat politisch und emotional aufgeladene Heimat zurückgekehrt. Dabei hatte der vielseitig talentierte Bildende Künstler, geboren 1921 in Wilhelmshaven, aufgewachsen in Westerstede und bis zu seinem Tod 1982 in Oldenburg zu Hause, selbst viel zu erzählen.

52 Jahre ist dieses Erlebnis mittlerweile her. Fernreisen sind längst kein Abenteuer mehr, doch der Vielvölkerstaat in Westafrika mit deutscher Kolonialvergangenheit ist immer noch in Aufruhr. Nach massiven Demokratiedefiziten Anfang der Neunzigerjahre fließt inzwischen wieder Entwicklungshilfe der Bundesrepublik nach Togo.

Vor knapp 60 Jahren war die wirtschaftliche und kulturelle Unterstützung gerade so richtig in Gang gekommen. Das Goethe-Institut öffnete 1961 seine Türen in der Hauptstadt Lomé. Das nationale Hygiene-Institut, das bei gesundheitlicher Aufklärung und der Bekämpfung von Seuchen unterstützen sollte, wurde zwischen 1964 und 1967 dank deutscher Förderung erbaut.

Schmidt-Westerstede hatte sich zu dieser Zeit längst einen Namen gemacht; einerseits als kreativer Künstler, andererseits als Meister seines Fachs. Viele seiner hochwertigen Arbeiten zieren im Nordwesten den öffentlichen Raum, stellen noch heute einzigartige Kunst am Bau dar, so sie denn nicht aus Unkenntnis und/oder Ignoranz abgerissen und entsorgt wurden.

Bei der Realisierung des Togo-Projekts griffen gute Arbeit und gute Kontakte ineinander. Den Zuschlag für die Fassadengestaltung am Institut in Lomé hatte Heinrich Schwarz erhalten, Bildender Künstler aus Steinkimmen, der im Jahr 1970 mit seiner Betonskulptur „Pferde“ am Oldenburger Pferdemarkt Aufsehen erregen sollte. Er fragte den am Achterdiek in Oldenburg wohnenden und tätigen Künstler Schmidt-Westerstede um Unterstützung, und dieser machte sich sogleich ans Werk.

Susann Hylla erinnert sich: „Mein Vater hatte nur Einnahmen aus den Honoraren seiner Tätigkeit als freischaffender Künstler. Davon musste er seine Familie mit vier Kindern ernähren. Nach Vollendung eines Werkes hat er sich dem nächsten Projekt zugewandt und neue Ideen entwickelt“, sagt die in Westerstede lebende Tochter, die mit ihrem Mann Manfred den umfangreichen Nachlass betreut.

Wenngleich der Afrika-Trip aufgrund der körperlichen Anforderungen ein nicht zu unterschätzendes Risiko war für den kriegsversehrten Georg Schmidt – der, um sich abzuheben, seinen Nachnamen in den Fünfzigern mit dem Zusatz Westerstede versah –, bereitete dem damals 47-Jährigen die Arbeit in Lomé große Freude. Zumal die Anforderung der Bundesbaudirektion lautete, eine Arbeit zu schaffen, „von der die Togolesen sich angesprochen fühlen können: farbig, flächig und gegenständlich“, wie es hieß. Außerdem musste das Werk einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent und 35 Grad Wärme standhalten.

Der gestalterische Entwurf für ein Glasmosaik mit Menschen und Tieren in kühlen Farben stammte von Schwarz, die handwerkliche Umsetzung am 12 mal 2,20 Meter großen Objekt mit rund 100 000 Steinchen von Schmidt-Westerstede. Unterstützt wurde er von vier einheimischen Handwerkern, die beim Transport abgelöste Glasstücke aufklebten und die fertigen Flächen verfugten und polierten. Eine Arbeit, die handwerklich brillant umgesetzt wurde – und ein halbes Jahrhundert überdauerte, wovon sich die Hyllas überzeugen konnten.

„Wir hatten uns schon oft die Frage gestellt, ob dieses Kunstwerk wohl noch existiert“, sagt Manfred Hylla. „Ein Verwandter hatte uns an Weihnachten darauf hingewiesen, dass es in Hannover einen Verein der Togo-Freunde gibt. Wir haben uns an diesen Verein gewandt und über eine Kontaktperson tatsächlich aktuelle Fotos aus Lomé zugeschickt bekommen.“

Nahezu unbeschädigt hat das Kunstwerk die lange Zeit überstanden. Zum Zeitpunkt der Aufnahme wurde es lediglich durch ein Plakat verdeckt, auf dem auf eine Kampagne zur Krebsvorsorge hingewiesen wurde. Ein Indiz, dass das damalige Entwicklungshilfeprojekt wohl auch heute noch Früchte trägt – und ein Indiz, dass die Kunst von Georg Schmidt-Westerstede keine Frage von Zeit und Ort ist.

Georg Schmidt-Westerstede(1921-1982) ist mit seinem Gesamtwerk auch nach dem Tod sichtbar geblieben. Seit 1950 hat er die Kunst am Bau im Nordwesten am nachhaltigsten geprägt. Zu seinem Œuvre zählen Glasmosaike, Reliefs, Skulpturen, Wandbilder und Sgraffiti. Eine gute Übersicht seines umfangreichen Schaffens bietet die Internetseite


     www.schmidt-westerstede.de 
Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
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