OLDENBURG Die Projekte befassen sich mit der Vernetzung durch Web 2.0 und deren Manipulierbarkeit. Sie zeigen auch die Entwicklung des Web.

Von Reiner KRamer OLDENBURG - Generation Internet wird erwachsen – behauptet zumindest die Ausstellung „My Own Private Reality“ (Meine eigene private Realität), die am Freitagabend im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst in Oldenburg eröffnet wurde. Wie ernst ist die Lage?

„What is global warming“ erscheint für wenige Sekunden auf der Wand in der oberen Etage der Ausstellungsräume, verschwindet, „wives pics“ taucht auf, verschwindet, wird durch die Zahlenfolge „152.53.167.185“ ersetzt.

Der Projektor an der Decke spuckt in einer Art „Bewusstseinsstrom“ aus, was gerade im Internet in eine Suchmaschine getippt wird: Virtualität wird zur Realität.

Die Ikonografien der Web 2.0-Generation, des Mitmach-Web, zeigen die Bilder von Olia Lialina und Dragan Espenschied: Goldene Bewertungssterne, Schablonen von Personen oder Fenster der Suchmaschine Google. Der Weltraum-Hintergrund erinnert dabei nicht zufällig an die Desktops der 90er-Jahre. Die Netzwelt ist schnelllebig.

Um das gute Karma der stressgeplagten Rechner sorgen sich Ute Hörner und Mathias Antlfinger: In unzähligen Wiederholungen lassen sie auf den Computern Mantren durchlaufen. Das Internet lässt schließlich kaum Zeit zum Verschnaufen.

Entwicklungsstand 2001 – eine Ewigkeit im Internet. So wird wohl auch das Projekt G-Spam von der Künstlergruppe Exonemo heute kaum mehr einen aktuellen Spam-Filter vor große Herausforderungen stellen, glaubt selbst die Co-Kuratorin Sarah Cook. Über die Webseite kann der Nutzer eine persönliche Spam-E-Mail an gewünschte Empfänger senden.

Geschichte ist auch die Ehe von Tanja Ostojic: Per Internet hatte sie sich selbst zum Projekt erklärt und einen Mann mit EU-Pass gesucht – und gefunden. 500 Briefe hatte sie auf ihre Nackt-Anzeige im Netz bekommen – zumeist eindeutige. Auch das ist das Internet: Sex.

Die Webwelt ist vernetzt. Und das nicht erst seit der zweiten Internetrevolution, in der soziale Netzwerke ihren Erfolgszug antraten. In einer entlarvenden Weiterentwicklung verkehrt Angie Waller mit myfrienemies.com den Sinn von Netzen in ihr Negativ: Menschen finden zusammen, weil sie Abneigungen gegen die gleichen Personen hegen.

Auf Vernetzung basiert auch das Projekt von Miranda July und Harrell Fletcher. Auf ihrer Spielwiese fordern sie Nutzer auf, bestimmte Aufgaben zu erfüllen und auf der Webseite zu dokumentieren, etwa: „Nimm den Sound auf, der dich jeden Tag aufweckt!“ oder „Schieß’ ein Foto vom Raum unter deinem Bett!“.

Einen kritischen Blick für die Möglichkeit von Manipulationen im Netz versuchen indes Les Liens Invisibles zu vermitteln. In Anlehnung an das populäre Fototausch-Portal flickr.com erlaubt die Seite Nutzern, bekannte Bilder neu zu verschlagworten (taggen) und so in einen neuen kulturellen Kontext zu stellen.

Per Blog hatte sich Marisa Olson beraten lassen, wie sie im „Deutschland sucht den Superstar“-Vorbild „American Idol“ Erfolg haben könnte. Weil der ihr in der Realität verwehrt blieb, inszenierte sie ihn per Video kurzerhand nach. Manipuliert sind auch die Liebesszenen, in denen Jillian McDonald den Schauspieler Billy Bob Thornton auf der Leinwand anhimmelt. Und das zeigt deutlich: Die Generation Internet wird vielleicht erwachsen. Das Spielen hat sie nicht verlernt.

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