London Wenn dieser Mann mit den weiß-grauen Haaren und dem Bierbauch ans Mikrofon schlurft, sinken die Erwartungen. Doch sobald seine unverwechselbare Stimme erklingt, kehlig und rau, sanft und scharf zugleich, verstummen selbst hinten an der Bar die Gespräche. Eric Burdon, der Arbeitersohn aus Nordengland, der 1964 über Nacht die internationalen Hitparaden eroberte, fesselt sein Publikum auch ein halbes Jahrhundert später.

Der australischen Zeitung „Sydney Morning Herald“ erzählt er: „Ich erinnere mich, wie ich als junger Mann am Rathaus in Newcastle vorbeiging und Muddy Waters“ Stimme röhrte heraus, weil er für einen Auftritt probte. Ich wusste sofort - das war, was ich tun wollte.“ Am Mittwoch (11. Mai) wird die Bluesrock-Legende 75 Jahre alt.

Geboren wurde Burdon während des Zweiten Weltkriegs in der Schwerindustrie-Metropole Newcastle upon Tyne: „Als ich geboren wurde, habe ich den Blues herausgeschrien, laut genug, um während der Luftangriffe der Nazis gehört zu werden, deshalb war das immer in mir drin“ sagt er der Onlinezeitschrift Hollywood Soapbox. Als er die ersten Bluesplatten von einem Seemann ergattert, ist sein Weg als „größter weißer Bluessänger“ vorgezeichnet.

1963 gründet er die legendären „Animals“ zum ersten Mal. Die Band erobert die Vereinigten Staaten im Sturm als Teil der sogenannten britischen Invasion mit den Beatles, Rolling Stones, Kinks, The Who und vielen anderen legendären Musikern.

Mit ihrem Kultsong „The House of the Rising Sun“ erreichen die „Animals“ 1964 Platz 1 der Single-Charts in Großbritannien, USA, Kanada und Australien. Es wird einer der berühmtesten kommerziellen Songs des 20. Jahrhunderts: Kein Song steht so sehr für die armen Verhältnisse, aus denen Burdon aufstieg, für Depressionen, Ängste, Verzweiflung, aber auch Triumphe und Höhen im Rausch, wie dieses überlieferte Volkslied über ein schwarzes Bordell in New Orleans. Angeblich ist es von Burdon und seinen „Animals“ in einem Rutsch, in nur 15 Minuten, aufgenommen worden.

In den darauffolgenden Jahren werden sie Weltstars mit Hits wie „Baby Let Me Take You Home“, „Don“t Let Me Be Misunderstood“ und „San Franciscan Nights“. Ihre 1965er Hit-Single „We Gotta Get Out Of This Place“ schafft es in den Rock’n“Roll-Himmel als einer der 500 besten Songs aller Zeiten der Zeitschrift „Rolling Stone“. Während des Vietnamkriegs wird das Lied von amerikanischen Soldaten als inoffizielle Hymne adoptiert.

Doch als Keyboarder und Mitbegründer Alan Price die Band 1966 verlässt, ist die Zeit der großen Erfolge vorbei. LSD und Kokain beschleunigen die Talfahrt des Rockmusikers, der sich im Drogenrausch schon neben Jimi Hendrix im Musikerhimmel wähnt. 1977 siedelt er mit Frau und Tochter nach Deutschland um. Udo Lindenberg zieht den Bluessänger mit der röhrenden Stimme aus dem Sumpf und nimmt ihn 1979 als Gaststar mit auf Tournee.

Eric Burdons Karriere geht mal hoch, mal runter, mal mit der Funkrock-Band „War“ („Spill the Wine“), mal als Solo-Act. Die „Animals“ durchlaufen einige Umbesetzungen und Neustarts (eine Platte trägt den bezeichnenden Titel „Before we were so rudely interrupted“ - bevor wir so unhöflich unterbrochen wurden), es folgen Revivals, Plattenaufnahmen und Touren mit wechselnden Kollaborateuren.

Eines bleibt immer gleich: Burdons Authentizität, das Gefühl, dass er kennt, wovon er singt. Rückblickend erzählt er der Onlinezeitschrift Hollywood Soapbox, welchen Einfluss die Legenden Ray Charles, Bo Diddley und Chuck Berry auf seine Entwicklung hatten: „Jeder von ihnen hat mich gelehrt, meine Stimme in einer einzigartigen Art und Weise zu nutzen. Um die Wahrheit auszudrücken, die in mir drinnen ist.“

Nichtsdestoweniger erfindet er sich seit über einem halben Jahrhundert musikalisch immer wieder neu: Einen Tag nach seinem 75. Geburtstag heizt er seinen australischen Fans mit der neuesten Inkarnation der „Animals“ ein, mit dem Start seiner Tournee; dann folgen Nordamerika und Europa. Und Anfang September wird er wieder in seiner Heimatstadt Newcastle upon Tyne spielen - dort, wo alles begann.

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