OLDENBURG Natürlich darf man bei Jethro Tull heutzutage kein concerto furioso mehr erwarten. Nach weit über 2500 Konzerten und nahezu 45 Jahren im Musikgeschäft sind Gelassenheit und auch ein wenig Müdigkeit in die britische Rocklegende eingekehrt. Oder sollte man besser sagen: Routine?

Früher rauschte ihr Chef, der Sänger und Flötist Ian Anderson, wie ein Derwisch über die Bühne, gab den mittelalterlichen Gaukler, dessen mythenumwobenen Erzählungen die Zuhörer in ekstatische Selbstvergessenheit versetzten. Manchmal schritt er sein Publikum auch in der Art eines englischen Adligen mit Gehrock und blaublütigem Habitus ab und erklärte den Menschen das Leben aus einer anthroposophischen Perspektive.

Heute dagegen beschränkt sich Anderson auf Anmerkungen zu einzelnen Liedern und erläutert ansonsten den Werdegang von Jethro Tull und ihre unterschiedlichen Schaffensphasen. Gleich zweimal erwähnt er den Start seiner Gruppe Ende der Sechziger als „kleine Bluesband“. Die wurde später mit Alben wie „Thick As A Brick“ oder „A Passion Play“ als progressive Formation bezeichnet und anschließend – so etwa ab dem Album „Songs From The Wood“ Mitte der Siebziger – in die Reihen der Folkrock-Bands eingeordnet. Von der Presse, versteht sich, nicht von Anderson selbst, wie er ausdrücklich betont.

Denn der 62-Jährige ist nicht immer mit allem einverstanden, was die Kritiker über ihn schreiben. Wohl auch deshalb verweist er gleich zu Beginn des Konzerts einen Pressefotografen zurück in die Ecke, die ihm für gerade mal zwei Nummern zur Ausübung seiner Arbeit zugeteilt wurde. Mehr erlaubt der gestrenge Anderson seinen vermeintlichen Widersachern nicht.

Das Programm des Abends, zu dem etwa 1000 Zuschauer in der Oldenburger Weser-Ems-Halle erschienen sind, besteht aus einem bunten Querschnitt der wichtigsten Tull-Nummern, also dürfen weder das Stück „Bourrèe“ fehlen, die Rock-Adaption einer Komposition von Johann Sebastian Bach, noch das philosophische „Jack In The Green“, weder die Kraftrock-Attacke „Aqualung“ noch – nach gut 90 Minuten als sehnlichst erwartete Zugabe – der Mega-Hit „Locomotive Breath“.

Mit diesem Energieschub in der zweiten Hälfte des Sets hat Anderson dann auch all diejenigen wieder auf seiner Seite, die nach den gedämpften ersten 30 Minuten bereits mit einer Pause am Bierstand geliebäugelt hatten. Das allerdings wäre bei stolzen Eintrittspreisen deutlich oberhalb von 50 Euro wohl die pure Verschwendung gewesen.

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