In Zeiten der Entschleunigung wirkt Gehen zeitgemäß. Ein neues Buch beschreibt die Rückkehr zu dieser Mobilitätsform.

Dass wir den Handlungsakt des Lesens und analog des Schreibens als hochent-wickelte Kulturtechnik verstehen, ist nicht weiter überraschend. Aber dass diese kulturelle Prägung auch für eine so scheinbar rein naturwüchsige Tätigkeit gilt, wie das Gehen, ist noch plausibel zu machen.

Zu dieser Erhellung trägt ein kleines, aber feines Buch bei, das der Kultursoziologe Thomas Jung jüngst veröffentlicht hat. Es handelt vom „Gehen und den Gehenden“ und nimmt Bezug auf Erfahrungen, die Autoren des 18., 19. und auch 20. Jahrhunderts bei ihren oft ausgedehnten Reisen gemacht haben, die sie in der Mehrzahl zu Fuß unternahmen. Was könnte in pandemischen Zeiten der erzwungenen Entschleunigung zeitgemäßer sein?

Schon die Einleitung macht diese Aktualität deutlich. Hier wird die inzwischen zu Bewusstsein gekommene Fatalität beschrieben, dass nämlich in den Zeiten sich überbietender Mobilität, die während des Lockdowns zeitweilig nachgelassen hat, das „Gehen in der Vielfalt seiner Ausdrucksformen“ auf der Strecke bleibt.

Wir sind Opfer einer paradoxen Entwicklung: Auf der einen Seite stehen wir unter dem Diktat der immer schneller fortschreitenden Geschwindigkeiten in allen Lebensbereichen. Auf der anderen Seite verharren wir passiv in jenen Transportmaschinen, deren Attraktivität in nichts Anderem besteht, als der individuellen oder zumeist kollektiven Verfrachtung von einem zum anderen Ort in möglichst allerkürzesten Zeittakten.

Die zentrale These des Autors ist, dass diese uns selbstverständlich gewordene moderne Fortbewegung dazu führt, dass mit Reduktion der anthropologisch fundamentalen Aktivität des Gehens eine besondere Weise der Welterfahrung verloren geht.

„Weltimpression“

Um welche „Weltimpression“ des Gehenden es sich genau handelt, veranschaulicht Thomas Jung in ebenso unterhaltsamer und erhellender Weise durch die Kommentierung der Erfahrungsberichte von Personen, die sich als passionierte Geher bekannt haben, weil ihnen diese Bewegungsart des Wanderns „Selbstgegenwärtigkeit“ vermittelt hat.

Für den französischen Aufklärungsphilosophen und frühen Zivilisationskritiker Jean Jacques Rousseau waren die einsamen Spaziergänge, besonders aber die von ihm immer wieder unternommenen Fußreisen von Paris nach Turin oder Lyon oder Lausanne ein meditatives Mittel, das Gefühl der Freiheit am eigenen Leib zu erfahren, sich selbst zu finden.

Auf Schusters Rappen

Demgegenüber ist Johann Gottfried Seumes sechstausend Kilometer umfassende Reise auf Schusters Rappen nach Syrakus über Dresden, Böhmen, Mähren, Wien, Triest, Venedig, Padua, Bologna, Rom und Neapel eine Fluchtbewegung aus beengten sozialen und politischen Verhältnissen.

Anders wiederum verhält es sich mit dem Romantiker Friedrich Hölderlin, einem „manischen Geher“, für den die häufigen Wanderungen zu einer „Heilungsdosis“, einer seelischen Kur wurden, um das früh Erlittene nicht mehr als Bedrängnis zu spüren. Gedichte wie „Heidelberg“, „Der Neckar“ oder „Die Wanderung“, „Der Wanderer“ bezeugen, welche selbstbefreiende und inspirierende Kräfte von der Fußreise ausgehen können.

Bei Karl Philipp Moritz, dessen autobiografisch gefärbter Roman „Anton Reiser“ nicht umsonst diesen beredeten Titel trägt, stehen bei den Fußreisen in England und Italien kulturelle Erfahrungen sowie romantische Naturempfindungen im Vordergrund.

Für Jean Paul, dem wir den Roman „Siebenkäs“ zu verdanken haben, war das Wandern nicht in erster Line eine eigene Praxis, sondern eine Art imaginärer, literarisch umzusetzender Akt. Entsprechend besticht er durch eine Typologie der Spaziergänger, vom Verdauungs-Spaziergänger zum Gelegenheits-Spaziergänger, heute zu ergänzen um den in Pandemie-Zeiten um sich greifenden Typus des unermüdlichen Joggers.

Wer hätte gedacht, dass Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ keineswegs unmittelbare Beschreibungen eines sich zu Fuß Bewegenden sind. Vielmehr hat er sich für das Kennenlernen der Landschaften, um sein „Reisejournal zu Papier“ zu verfassen, der Postkutsche und Eisenbahn bedient, um dann jedoch vor Ort das kulturhistorisch Interessante zu Fuß zu erkunden.

Der poetische Geher

Den „poetischen Geher“ Robert Walser wird mit dem kaum eindeutiger zu formulierenden Satz zitiert: „Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, hätte ich längst preisgeben müssen“. Der „gemeinschafts-flüchtige Wanderer“ Friedrich Nietzsche hätte dem zugestimmt.

Es sei erwähnt, das Jung im Nachwort den Versuch unternimmt, eine Phänomenologie der differenten Formen des Gehens zu entwerfen: vom großstädtischen Flanieren, dem bürgerlichen Spaziergang, abenteuerlichem Wandern bis zum Marschieren als demonstrativer Akt der Herrschaft oder des Widerstandes.

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