Jedermann muss sich in seinem Alltag damit auseinandersetzen, dass gegenwärtig die digitale Revolution gewohnte Kommunikationsverhältnisse von Grund auf verändert. Angesicht dieser fundamentalen Wandlungsprozesse ist es aufschlussreich, ausgewählte Personen aus einem erlesenen Kreise von Künstlern, Literaten, Philosophen und Soziologen mit der Frage zu konfrontieren: Warum Lesen?

Die Antworten sind, bei allen Unterschieden im Detail, eine einhellige Fürsprache nicht nur für das Lesen, sondern eine Lobrede für die besondere Praxis des Lesens von Büchern als Träger von Literatur, die sich evolutionär der Erfindung regelbasierter Zeichensprache verdankt.

Die besondere Gattung der schönen Literatur ist für Katja Petrowskaja der „Fahrschein in die Welt der Ästhetik“. An anderer Stelle ist ebenso emphatisch von der „narrativen Resonanz“ jener Literatur die Rede oder davon, dass sie „außeralltägliche Erfahrungen von traditionsbildender Kraft“ vermittelt.

Die von allen Autoren einhellig als positiv bewertete Kulturtechnik des Lesens erlaube es, je nach perspektivischer Engführung, Privatheit und Subjektivität zu erleben, sich ins Selbstgespräch zu versenken, Grenzen des eigenen Ichs zu überschreiten – kurzum: „Welterweiterung“ (Marcel Bayer).

Geruch und Haptik

Kein Zweifel wird daran gelassen, dass das Buch mehr ist als ein Wissensspeicher. Dessen haptische Beschaffenheit ist beispielsweise für den Neuropsychologen Wolf Singer so wichtig wie der Geruch von Papier und Druckerschwärze oder wie die Freiheit des Markierens von Seiten, des Vor- und Zurückblätterns. Der Hirnforscher betont, dass das Lesen ein kreativer Akt sei, der nicht nur Sprechen und Zuhören, sondern auch das Arbeitsgedächtnis und die Aufmerksamkeitsspanne fördere.

Wer mit kulturkritischem Gestus die Gefahr an die Wand malt, in der Folge von Multitasking und Hyper Reading sei das Buch zum Untergang verurteilt, liegt nach Einschätzung der Autoren falsch. Auf der einen Seite gelte es, das Buch davor zu bewahren, als bildungsbürgerliches Elitemedium ein Nischendasein zu fristen. Auf der anderen Seite sei eine neue, kaum schon abzuschätzende Entwicklung festzustellen: Der Gebrauch der neuen sozialen Medien macht jeden Leser zum Nutzer und jeden dieser „User“ zum potenziellen Autor, der freilich eine ganz neue Kategorie von Autor darstellt. Denn er stellt seine Tweet-Botschaften nach Gutdünken in den anonymen digitalen Raum, ohne an Qualitätsstandards gemessen zu werden. Es fehle, wie der Philosoph Jürgen Habermas in seinen Beitrag akzentuiert, die professionell ausgewiesene „Filterfunktion“, gewährleistet durch Redaktionen, Verlag und Lektorate, die nach begründeten sachlichen Maß-stäben mitentscheiden, was veröffentlicht wird.

Autorität der Werke

Diese Entgrenzung, in deren Folge beliebige Privatmeinungen distanzlos in den öffentlichen Raum eindringen und das knappe Gut Aufmerksamkeit an sich binden, erweise sich zwar für die politische, nicht aber so sehr für die literarische Öffentlichkeit als fatal. Denn während die politische Öffentlichkeit davon bedroht sei, in ein Stimmengewirr von ungeprüften privaten Meinungen auseinanderzufallen, bleibe innerhalb der literarischen Öffentlichkeit die Differenz zwischen anerkannten Autoren, der Autorität ihrer Werke und den Lesern erhalten.

Es ergibt sich die Folgerung, dass das Lesen von Gedichten, Romanen, Erzählungen oder Dramen sowohl mit der Geltung von Bewertungsmaßstäben vertraut macht als auch eine Einübung in Beobachtungsfähigkeit und Ausdruckskraft durch Sprache bietet – dies ist nichts Geringes.

Freieste kulturelle Tat

In diesem Sinne bringt es Wissenschaftshistoriker Michael Hagner auf den Punkt, wenn er schreibt, dass das Lesen zum „Eintrittsticket für Bildung und Erkenntnis, politische Emanzipation und Autonomie wurde.“ Mehr noch: Die französische erfolgreiche Schriftstellerin Annie Ernaux lässt wissen, dass Lesen „die freieste kulturelle Tätigkeit ist, die es gibt“. In der Tat, das Lesen ermöglicht die Überschreitung des Hier und Jetzt und konfrontiert den Rezipienten zugleich mit den Gegebenheiten der Epoche.

So sind sich die 24 Autorinnen und Autoren über den Primat der Sprache und die geistige Bedeutung des Lesens ganz einig, aber auch darüber, dass mit dem Absterben des „Resonanzmediums“ Sprache der Mensch selbst zum sozialen Tode verurteilt sei.

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