In einem in zahleichen europäischen Zeitungen veröffentlichten Interview wurde der neunzigjährige Philosoph Jürgen Habermas gefragt, wie er die Corona-Krise erlebe. Der Satz, der die größte Aufmerksamkeit fand, lautet, dass es noch nie so viel Wissen über unser Nichtwissen gab. Diese paradoxe Gewissheit darüber, dass es über den Risikoverlauf und die Auswirkungen der Pandemie selbst aufseiten wissenschaftlicher Experten keine absolute Gewissheit gibt, hat sichtbare Folgen für das alltägliche Verhalten in den sozialen Räumen.

Die Gefährdungen, über die uns Medien in Echtzeit informieren, in dem sie permanent über aktuelle Stände der Infektions- und Todesraten berichten, lösen Gefühle der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins aus. Die so hervorgerufenen Ängste werden verstärkt durch den omnipräsenten Wust administrativ verordneter Hygiene-, Abstands- und Schutzvorschriften.

Im Miteinander der Menschen äußert sich diese Furcht auf zweierlei Weise. Sichtbar ist auf der einen Seite die spontane Hilfsbereitschaft und Solidarität. Ebenso auffällig ist auf der anderen Seite eine Art Regulierungswut, nicht nur durch überforderte Ordnungsämter, sondern auch von Seiten der miteinander umgehenden Einzelnen.

Sie kommt darin zum Ausdruck, dass wildfremde Menschen einander ermahnen, die vorgeschriebene Distanz millimetergenau einzuhalten. Nachbarn, die sonst kaum Notiz voneinander nehmen, beobachten sich wechselseitig, ob die verordneten Kontaktverbote und Ausgehvorschriften akribisch befolgt werden, um im Fall der Missachtung zum Mittel der Denunziation zu greifen. Diese von Misstrauen getragene Blockwartmentalität, von der man glaube, sie sei hierzulande für immer diskreditiert, feiert ebenso fröhliche Urstände wie autoritäre Reaktionsmuster.

So stellen beim Einkaufen in Super- und Wochenmärkten anonyme Konsumenten, die glauben, Anstoß nehmen zu müssen an mangelnder Infektionsvermeidung des jeweils anderen, diesen an den Pranger. Man droht auf offener Bühne, einander wechselweise zum Teufel oder in Quarantäne zu schicken. In dieses Bild passen selbst ernannte Inspektoren, die überzeugt sind, im städtischen Raum die Durchsetzung der Hygienegebote kontrollieren zu müssen.

Schon nach den ersten wenigen Tagen der Gesichtsmasken-Pflicht lässt sich beobachten, dass Polarisierungen geschaffen werden zwischen Personen, die demonstrativ den Schutz auch dort und dann tragen, wo und wann es wenig Sinn macht und solchen, die selbstbestimmter, ungezwungener handeln.

Es gilt der Imperativ, dass sich jeder einzelne ausnahmslos einem propagierten Gebot der Gemeinschaft unterwerfen muss, unter Preisgabe jener Spielräume der Autonomie, für die eine freiheitliche Gesellschaft steht. Die gut gemeinte, routinemäßig geäußerte Phrase „Gesund bleiben“ wird zum Marschbefehl, den die Gesundheitspolitik bei der kollektiven Bekämpfung von Covid-19 ausgegeben hat. Die Vorrangstellung des Gesundheitsgebots scheint selbst drastische Eingriffe in die Grundrechte von Bürgern zu rechtfertigen, die auf Dauer unverhältnismäßig sind, wie prominente Verfassungsrechtler immer wieder feststellen.

Neben dem irritierenden Wissen über das Nichtwissen besteht das Neue an diesem globalen Risiko darin, dass die lebensgefährliche Infektionsgefahr alle trifft und insofern unter diesen Aspekten alle gleichmacht. Es gefährdet nicht nur die Gesundheit eines jeden, sondern hat auch für alle enorme Kollateralschäden im Bereich des Sozialen, der Politik, der Wirtschaft und Kultur zur Folge. Auch deren Ausmaß kann niemand seriös abschätzen.

Angesichts angstgesteuerter Disziplinbereitschaft vieler Menschen drängt sich die Frage auf: Drückt sich in der Prämierung von Konformität der Bruch mit dem Megatrend der Pluralisierung und Individualisierung aus, wie er übereinstimmend in den aktuellen Zeitdiagnosen der Soziologie festgestellt wurde? So vorschnell eine solche Schlussfolgerung auch einstweilen wäre, darf man doch vermuten, dass der derzeit weithin propagierte Rückzug in die Privatsphäre dazu führt, dass die Kreise zwischenmenschlicher Begegnungen und Erfahrungen immer enger gezogen werden.

Das muss für die meisten nicht gleich zu Isolation und Vereinsamung führen. Aber der Verzicht auf Geselligkeit hat desintegrierende Folgen. Soziale Interaktionen verarmen und die Begrenzung des Handlungsradius kann auf Kosten des zivilgesellschaftlichen Engagements innerhalb des demokratischen Gemeinwesens gehen.

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