Hamburg Jacqueline Kennedy sitzt im pinken Kostüm weinend vor dem Badezimmerspiegel und wischt sich Blutspritzer aus dem Gesicht. Kurz zuvor hat eine Gewehrkugel den Schädel ihres Mannes zertrümmert, er ist in der Präsidentenlimousine in ihren Schoß gesackt. Nun ist er tot.

Es ist die Stunde Null im nationalen Trauma der Vereinigten Staaten, der Ermordung John F. Kennedys in Dallas. Statt sich umzuziehen, lässt sie das blutbefleckte Kostüm an und sagt: „Lasst sie sehen, was sie angerichtet haben.“

Mit dem biografischen Drama „Jackie“ hat Regisseur Pablo Larraín ein Porträt der von Millionen geliebten First Lady gezeichnet. Natalie Portman hat sich dafür mit fast akribischer Genauigkeit in die Rolle der mit 36 Jahren damals fast gleich alten Kennedy hineingefunden, in ihre Sprache, ihre Gesten, in jede der von Historikern teils bis ins kleinste Detail beschriebenen Bewegungen wie die an jenem tragischen Freitag, dem 22. November 1963. Schauspielerisch ist es Natalie Portmans wohl beste Leistung, seit sie für „Black Swan“ 2011 einen Oscar gewann.

Kaum ein Ereignis ist so minuziös aufgearbeitet worden wie der Mord an „JFK“, und meist ist Jackie Kennedy dabei als trauernde Witwe im Hintergrund geblieben. In einer gelungenen Mischung aus historisch belegten Fakten und Fiktion lässt Drehbuchautor Noah Oppenheim nun in ihr zerrissenes Gemüt blicken: Mutter Jackie, die ihren Kindern sagen muss, dass der Vater nicht nach Hause kommt. Die vereinsamte Jackie, die rauchend, trinkend und Pillen schluckend durch ein verlassenes Weißes Haus irrt. Die Jackie des Volkes, die Contenance bewahrt und das Staatsbegräbnis ihres Mannes plant („Es muss wunderschön sein“).

Es ist eine existenzielle Krise einer der berühmtesten Frauen der Vereinigten Staaten, eine von Tränen getränkte Selbstsuche nach der eigenen Persönlichkeit, die ohne „Jack“ und ohne die Präsidentschaft plötzlich so leer erscheint.

Als dramaturgischer Anker dient das exklusive Interview mit der Witwe Kennedy, das Theodore White mit ihr für das „Life“-Magazin eine Woche nach dem Mord führte. „Irgendwo auf dem Weg habe ich den Überblick verloren, was echt ist und was gespielt“, sagt Jackie.

Für sich mag sie diese Frage bis zu ihrem Krebstod 1994 nach zweiter Ehe nicht mehr gelöst haben.

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