New York Schon als Student habe er das Bild auf Dias im Hörsaal bewundert, sagt Loic Gouzer. „Es ist einzigartig, wunderschön und sehr berühmt. Wenn man nur dieses Bild in ein Haus hängen und daraus ein Museum machen würde, würden die Menschen schon in Schlangen um den Block dafür anstehen.“ Hinter Gouzer, in den Schauräumen des Auktionshauses Christie“s direkt neben dem New Yorker Rockefeller Center, hängt das vielgepriesene Werk: Pablo Picassos „Les femmes d“Alger“. Etwa ein mal anderthalb Meter, knallbunt in einer Mischung aus abstrakt und realistisch mit mindestens vier barbusigen Frauen dazwischen.

Das Ölgemälde hat derzeit seinen eigenen, leuchtend rot gestrichenen Raum bei Christie“s, denn es soll der absolute Star der Frühjahrsauktionen werden. Auf „in der Gegend von 140 Millionen Dollar“ (etwa 128 Millionen Euro) schätzt das Auktionshaus das Werk, und die vage Formulierung hat ihren Grund: Das bislang teuerste je bei einer Auktion versteigerte Bild - das Triptychon „Three Studies of Lucian Freud“ von Francis Bacon - hatte vor rund anderthalb Jahren ebenfalls bei Christie“s 142,2 Millionen Dollar erbracht. Der Picasso könnte zum Auftakt der diesjährigen New Yorker Frühjahrsauktionen am Montagabend (11. Mai, Ortszeit - 01.00 Uhr 12. Mai MESZ) den Rekord knacken.

Zum teuersten je versteigerten Picasso (1881-1973) würde das Bild dann quasi nebenbei auch noch werden. Da liegt der Rekord derzeit bei 106,5 Millionen Dollar, erzielt im Mai 2010 für einen „Akt mit grünen Blättern und Büste“, ebenfalls bei Christie“s. „Les femmes d“Alger“ war ursprünglich im Besitz des inzwischen gestorbenen US-Sammlerehepaars Victor und Sally Ganz, die es 1956 direkt von Picassos Galerist Daniel Kahnweiler kauften. Von dem Werk gibt es 15 Versionen. Das Ehepaar Ganz kaufte alle für damals insgesamt 212 500 Dollar, verkaufte sie jedoch später nach und nach wieder.

Bei dem Werk, das nun versteigert wird, handelt es sich um die Version „O“. Sie war zuletzt 1997 bei einer Auktion aufgetaucht und damals für rund 32 Millionen Dollar verkauft worden. Nun habe ein „sehr privater Sammler aus New York“ das Gemälde - eine Hommage an Picassos kurz zuvor verstorbenen Freund und Künstlerrivalen Henri Matisse - erneut zum Verkauf gegeben, erklärt Kunstexperte Gouzer.

Im Raum nebenan gerät der Christie“s-Mitarbeiter gleich wieder ins Schwärmen, denn hier steht der zweite Superstar der Auktion: der „Zeigende Mann“, eine Skulptur des Schweizers Alberto Giacometti. 130 Millionen Dollar soll sie einbringen und damit den bisherigen Rekord für Plastiken von 104,3 Millionen - erzielt vor fünf Jahren in London für den „Schreitenden Mann“, ebenfalls von Giacometti - deutlich übertreffen. Handbemalt sei die rund 178 Zentimeter große, dünne Figur. „Das hat er manchmal gemacht, aber ganz selten, vor allem bei Werken von dieser Größe.“

Der Boom auf dem Markt sei derzeit extrem stark, sagt Gouzers Kollegin Brooke Lampley und schwärmt von Monets in bester Qualität und einem Mondrian, der mit 15 bis 20 Millionen Dollar „preislich attraktiv“ angeboten werde. Schon im Vorfeld der Frühjahrsauktionen hatte sich der Boom bemerkbar gemacht. So versteigerte Christie“s Dauer-Rivale Sotheby“s vor kurzem ein Ölgemälde des niederländischen Malers Vincent van Gogh (1853-1890) für umgerechnet mehr als 59 Millionen Euro - fast doppelt so viel wie zuvor geschätzt. Für die Frühjahrsauktionen hat Sotheby“s diesmal keine Knaller à la Christie“s zu bieten, hofft aber trotzdem auf ein starkes Gesamtergebnis.

Dass die Rekordkandidaten trotz der schwindelerregenden Schätzpreise Käufer finden werden, daran zweifelt Christie“s-Experte Gouzer nicht. „Der Wert ist einfach da. Es gibt so viele Sammler da draußen, die nach dem Besten vom Besten suchen. Und es gibt viel weniger Werke von solcher Qualität noch im Privatbesitz, als es Sammler gibt. Das hier ist eine einmalige Chance.“

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