Oldenburg /Bockhorn Er hat Hunderte Juden vor dem Tod gerettet. Nur wollte nach dem Krieg in Deutschland niemand davon wissen. Sein halbes Leben lang kämpfte Franz Fritsch (1910-1973) um Anerkennung. Sie blieb ihm zeitlebens versagt. Die Geschichte des Franz Fritsch, die der des Oskar Schindler gleicht, hat der Schriftsteller Erhard Brüchert schon vor mehr als 20 Jahren für eine Studioproduktion der August-Hinrichs-Bühne dramatisiert („Franz Fritsch – weer dat nich’n Jöd?“, aufgeführt 1999 im Heinrich-Kunst-Haus in Metjendorf). Nun hat er sie als Novelle ins Hochdeutsche umgeschrieben. Bei Erhard Brüchert heißt die Hauptperson Franz Fritsch, wie im wirklichen Leben. Der Ort Bockhorn, wo Fritsch von 1956 bis 1973 lebte, heißt bei Brüchert Horndorf. Er nutzt in der Novelle wie im Theaterstück zwei Soldaten, das bevorstehende Kriegsende 1945 erzählen zu lassen als Kunstgriff. Dabei kommt die Rede auf Franz Fritsch. Die Soldaten Ollmer und Holtmeyer kommen aus Horndorf und schlagen sich durch die Linien in ihren Heimatort durch. Dort schlägt der Berliner Franz Fritsch elf Jahre später auf, verheiratet mit einer jungen Frau aus Horndorf, die er in Berlin kennengelernt hat.

Der Berliner Fritsch kommt bei den örtlichen Bürgern nicht gut an. Er gilt als Windmacher, „de wull den dicken Keerl makeeren“, als Besserwisser: „He wull uns jümmer vertellen, wat wi richtig un wat wi verkeert maakt harrn, domols in de Nazi-Tiet“ (Passage aus dem plattdeutschen Theaterstück). Und noch schlimmer: Fritsch ließ sich in den Augen der Dorfbewohner von Juden hofieren: „Un denn harr de dat doch jümmer mit de Jöden“ (aus dem plattdeutschen Theaterstück). Für die komplizierte Entschädigungsstreiterei vor Gericht nutzt Brüchert die schon erwähnten Soldaten (kluger Kunstgriff: die jungen Soldaten sind, als Fritsch in Horndorf/Bockhorn auftaucht, Ratsmitglieder beziehungsweise Bürgermeister) oder zwei Krankenschwestern als Erzähler, die das Geschehen zusammenfassen.

Die Geschichte dahinter: Wie Franz Fritsch hunderte Juden rettete

Der späte Versuch einer Grünen-Politikerin im Bockhorner Gemeinderat Ende der 80er Jahre, Fritsch ehren zu lassen durch eine namentliche Erwähnung auf dem „Ehrenmal“ (für die Kriegstoten), hat Brüchert ebenfalls in seine Handlung aufgenommen. In der Realität hatte der Versuch zum Krieg (im übertragenen Sinne) geführt. Die konservative Mehrheit im Rat versagte dem Antrag die Zustimmung. Und die Ablehnung wuchs, je mehr negatives Echo das im restlichen Land fand. Fritsch blieb in seinem Wohnort auch nach seinem Tod einer, der spaltete.

Erhard Brüchert hat das alles – der Held, dem die Anerkennung versagt blieb und der zum Grantler wurde, die verstockte Nachkriegsgesellschaft, in der Denken der Nazi-Zeit fortgedieh – wunderbar aufgearbeitet in seinem Theaterstück und nun in der hochdeutschen Erzählung, die freilich noch keinen Verlag hat. Man steht fassungslos vor den Taten und Nicht-Taten der Handelnden und fragt sich zugleich, was Triebfeder für den einen wie für die anderen gewesen ist.

Es kursiert in Veröffentlichungen, dass Franz Fritsch für seine Rettungstaten als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet wurde und einen Baum in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem pflanzen durfte. Auf der Liste der deutschen „Gerechten unter den Völkern“ findet sich sein Name nicht. Wie es zu dieser Annahme kam, lässt sich nicht zufriedenstellend klären.

Tatsächlich hat der jüdische Schriftsteller Hermann Adler nach dem Krieg Zeugnis abgelegt und für seine Rettung und die seiner Frau Anita Franz Fritsch als verantwortlich benannt. Und der Regionalhistoriker Werner Vahlenkamp weist auf einen Israel-Besuch Fritschs hin. 1968 konnte Fritsch auf Einladung des Holocaust-Dokumentationszentrums Yad Vashem nach Israel reisen. Dort wurde er auch geehrt.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.