Frankfurt /Main Imaginäre Freunde stehen Kindern in harten Zeiten bei. Sie helfen ihnen, sich einen Reim auf eine unverständliche Welt zu machen. Der zehnjährige Jojo lebt in einer deutschen Kleinstadt in den letzten Monaten des Nazi-Regimes und will einfach nur dazugehören. Angeleitet und angefeuert von einem imaginären väterlichen Freund namens Adolf Hitler, will er bei der Hitlerjugend beweisen, dass auch er ein ganz harter Junge ist, scheitert aber schon an der Forderung, einen kleinen Hasen zu töten, was ihm den höhnischen Spitznamen Jojo Rabbit einbringt, der auch der Filmtitel der Nazi-Satire ist (Filmstart 23. Januar).

Noch ein bisschen unübersichtlicher wird sein Bild der nationalsozialistischen Welt, als er hinter einer Wand der Wohnung ein jüdisches Mädchen entdeckt, das seine alleinerziehende Mutter (Scarlett Johansson) dort versteckt hat. Einmal laufen sie gemeinsam über den Marktplatz, wo die Hochverräter am Pranger an einem Strick baumeln. Auf seine Frage, was sie getan haben, antwortet die Mutter: „Was sie konnten.“ Was Jojo da noch nicht weiß, ist, dass auch sie sich im Widerstand engagiert.

Zwischen knalliger Komödie und finsterer Tragödie besteht in diesem Film eine enorme Fallhöhe. Dazu gehört auch, dass Regisseur und Drehbuchautor Taika Waititi den imaginären väterlichen Freund Adolf mit fröhlich chargierendem Quatschpotenzial selbst spielt. Dass Waititi teils jüdische, teils Maori-Wurzeln hat, ist Teil des subversiven Humors.

In seinem ganzen Auftreten übersteigert er das Pathos und die Emphase, die zum Nationalsozialismus gehörten, ins Komische, die ganze Absurdität, die den exaltierten Auftritten von Politikern und Gestapo-Gestalten aus heutiger Perspektive anhaftete.

Dass der Neuseeländer Waititi einen ziemlich irrwitzigen Humor hat, war schon zu spüren, als er in seinen schrägen Indie-Zeiten zusammen mit Kumpel Jemaine Clement das fiktive Leben des Folkduos „Flights of the Conchords“ seriell aufarbeitete und die eigenen Erfahrungen in der studentischen Wohngemeinschaft in Wellington in „5 Zimmer, Küche, Sarg“ auf eine Gemeinschaft von Vampiren übertrug.

Seit Waititi vor zwei Jahren im Blockbuster „Thor: Ragnarok“ die Riege der Avengers erfolgreich aufmischte, genießt er auch in Hollywood eine Art Carte Blanche. Deshalb darf er seinen schrägen Humor auf die bittere Historie des Holocausts anwenden, locker basierend auf dem Roman „Caging Skies“ von Christine Leunen. So unterrichtet Captain Klenzendorf (gespielt von Sam Rockwell, der im hintersten Winkel seines schwarzen Herzens noch einen Funken von Menschlichkeit versteckt) im Camp der Hitlerjugend die Fächer Bücherverbrennung, Judenverfolgung und Granatenwerfen, während Rebel Wilson als Fräulein Rahm die Reichskinderproduktion propagiert: Sie selbst habe dem Führer 18 kleine Arier geboren.

Doch hinter derart krachledernen Klischeefiguren erzählt „Jojo Rabbit“ eine leise, warmherzige Geschichte über einen kleinen, verwirrten Jungen, der die Indoktrinierung mit Hassideologie durch die Freundschaft mit dem 16-jährigen jüdischen Mädchen Elsa (Thomasin McKenzie) überwindet. Stück für Stück erreicht sie, dass er die Vorhänge von der nationalsozialistischen Hasspropaganda zieht und dahinter die wahren Monstren erkennt.

Dabei hält Waititi zwischen den kontrastierenden Tonlagen eine waghalsige Balance. Einige stilistische Elemente erinnern an die Filme von Wes Anderson, etwa die symmetrischen Blicke in Puppenhausszenerien, rasante Kamerabewegungen, fidele Slapstickmomente und der verspielte Umgang mit der Musik, gleich in der ersten Szene, wenn eine deutsche Version des Beatles-Songs „I Want to Hold Your Hand“ über jubelnde „Heil Hitler“-Massen gelegt ist. Güte und Menschlichkeit als Waffen gegen das Übel des Nationalismus, das ist allemal die Botschaft, die über fast ein Jahrhundert hinweg noch immer zeitgemäß ist.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.