Frankfurt /Main In einem Dorf mit unaussprechlichem Namen steigen zwei traurige Chinesen aus dem Bus. Im örtlichen Lokal fragt der eine in gebrochenem Englisch die mürrische Besitzerin Sirkka nach einem gewissen Fongtron. Doch der Freund, dessentwegen Cheng die lange Reise von Schanghai nach Finnland unternommen hat, scheint unbekannt.

Sirkka serviert Cheng und seinem Sohn Nunjo als Trost die einzige Spezialität des Hauses: Kartoffeln mit brauner Wurstsoße. Und mit der Bestimmtheit, mit der Nunjo, so hungrig er auch ist, den Teller von sich schiebt, weiß man, dass Pohjanjoki die Endstation für das Vater-Sohn-Duo sein wird.

In dieser Einöde nördlich des Polarkreises, in der nicht nur kulinarisch die Dinge im Argen liegen, gibt es einfach zu viel zu tun. Als am nächsten Tag – die beiden haben inzwischen in Sirkkas Haus Quartier genommen – eine chinesische Reisegruppe angesichts des Wurstmenüs die Nase rümpft, übernimmt Cheng die Küche. Er entpuppt sich als professioneller Koch, dessen Künste fortan nicht nur Touristen erfreuen.

Typisch Kaurismäki

Aki Kaurismäkis kleiner Bruder Mika, bisher vor allem durch Musikdokumentarfilme bekannt, wandelt in seiner lakonischen Komödie „Master Cheng in Pohjanjoki“ zwar auf ausgetretenen Pfaden. So wurden etwa in „Salami Aleikum“ ostdeutsche Provinzler mit orientalischen Reisgerichten zur Globalisierung bekehrt.

Doch angesichts Chengs undramatischer Eingemeindung sträubt man sich, den hochtrabenden Begriff „Integration“ zu verwenden: Der verwitwete Koch macht sich nützlich und erfüllt einen Bedarf, von dem vor seiner Ankunft niemand wusste, dass es ihn gibt. Unterspielt wird auch die latente Bedrohung durch einen Polizisten, der auf gültigen Papieren beharrt. Und selbst wenn „Rentier auf chinesische Art“ die kulinarische Neugier weckt, wird doch virtuoser Schnippeltechnik eher wenig Raum gewidmet.

Handfeste Ehrlichkeit

Auch die Annäherung zwischen Cheng und Sirkka wirkt etwas mechanisch, zumal die junge Frau, mit ihrer handfesten Ehrlichkeit zum Symbol finnischen Nationalcharakters erhoben, darüber hinaus wenig charakterliche Kontur verliehen bekommt.

Mika Kaurismäki verwendet das Erzählmuster von der Integration, die durch den Magen geht, vor allem als Rahmen, um auf entwaffnend mätzchenfreie Art von existenzielleren Dingen zu schwärmen. Es ist ein Finnland ohne Mücken, ein Ort des Leben und Leben lassens am Rande der Zivilisation, in dem Männer bei sich sein können: beim Angeln, Grillen und Trinken. So viel hübsch angerichtete Männerromantik war selten.

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