Das Gemälde „Zwei Frauen auf dem Balkon II“ aus der Zeit 1924/25 zeigt zwei Frauen vor nächtlicher Kulisse. Die Vordere blickt in Richtung des Betrachters aus dem Bildraum, in der Hand hält sie ein offenes Buch. Sie stellt Radziwills Mutter dar, wie Peter-Gert Düser wusste. Als Sohn von Radziwills Freund und Sammler, dem Oldenburger Arzt Georg Düser, ist er mit Gemälden aufgewachsen. „Für mich eines der faszinierendsten Bilder Radziwills – aufgrund dieses unwahrscheinlichen Lichts“, erzählt er im Dokumentarfilm „Konsequent inkonsequent“ von Konstanze Radziwill und Gerburg Rhode-Dahl. Die andere Frau ist ihm unbekannt. Im Hintergrund ist eine Reihe klassizistischer Gebäude zu sehen. Über einem Hauseingang ist die Aufschrift „Lichtspiele“ zu entdecken.

Die Szenerie scheint von mächtigen Scheinwerfern angestrahlt, wie man sie in jener Zeit nur in Großstädten oder Filmstudios erleben konnte. Der starke Kontrast zum nachtschwarzen Himmel verstärkt die Wirkung. Von links strömt starkes Licht in den Bildraum, das nicht nur den Schlagschatten der Frauen herstellt. Der Beleuchtung folgt der Schattenwurf der Figuren auf der Straße.

Diese wirklichkeitsfremde Lichtsituation ist es, die der Komposition magische Ausstrahlung verleiht. Zugleich ist das Gemälde der sichtbare Reflex auf ein neues Massenmedium – den Film. Gerade der Stummfilm brachte spektakuläre Licht- und Schatteneffekte hervor, die Radziwill in seine Malerei übersetzt hat.

Vergleicht man seine Werke mit den Bildern prominenter Filme wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ von Robert Wiene von 1919 oder „Das Phantom“ von Friedrich Wilhelm Murnau, 1922, zeigen sich verblüffende Übereinstimmungen in der Lichtsetzung.

Radziwill, der sich vor seiner Übersiedlung nach Dangast in Bremen, Berlin und Hamburg aufhielt, konnte die Faszination des Kinos miterleben. Nach der ersten Filmvorführung der Brüder Lumière 1895 in Paris verbreiteten sich die „Lichtspielhäuser“ in ganz Europa, bis in den 1920er Jahren die Filmpaläste öffneten.

Radziwills Anspielung auf das moderne Medium ist titelgebend für die diesjährige Ausstellung im Franz Radziwill Haus, in der das Licht als zentrales Kompositionsmittel des Malers im Mittelpunkt steht.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.