Zetel Für den schottischen Sänger Fish sind seine Konzerte immer auch mit ambivalenten Gefühlen zur eigenen Vergangenheit verbunden. Als er im November 2007 im Oldenburgischen Staatstheater sein Soloalbum „13th Star“ vorstellte, ernteten den lautesten Applaus nicht etwa die neuen Stücke, sondern die Hits der früheren Marillion-Phase. Mit seinen Programmen „Farewell To Childhood“ und „Clutching At Straws“ trug er danach in den Jahren 2015 und 2018 in der Kulturetage dieser Tatsache Rechnung. Das Publikum war begeistert und hoffte insgeheim auf eine Rückkehr des Musikers zur Band. Doch diesem Wunsch wird der nunmehr 62-Jährige wohl nie entsprechen: Für Fish wäre eine Comeback bei Marillion der Verrat an den eigenen Idealen.

Denn sein Ausstieg vor über 30 Jahren war die ultimative Absage an den Versuch der Musikindustrie, wirtschaftliche Aspekte über künstlerische Belange zu stellen. „Als der große Erfolg einsetzte und Marillion durch die Decke gingen, war unheimlich viel Geld im Spiel. Das Business griff voll auf uns zu. Ich hasste das“, schimpft er, „deshalb gab es für mich nur die Möglichkeit auszusteigen.“

Mit der Single „Kayleigh“ vom dritten Album „Misplaced Childhood“ waren Marillion im Juni 1985 zu Superstars aufgestiegen, und fast zeitgleich in einen Strudel gruppeninterner Kompetenzstreitigkeiten geraten. Bassist Pete Trewavas erinnert sich: „Plötzlich ging es um Macht und darum, wer es in der Band zu sagen hat. Das übliche Gezänke, wenn eine Gruppe den Durchbruch schafft. Zudem glaubte Fish, dass wir der Plattenfirma ständig nach dem Mund reden und seine künstlerischen Visionen nicht genügend berücksichtigten. Er hatte die Schnauze voll von uns, und wir von ihm.“

Im Sommer 1988 verließ Derek William Dick, so Fishs bürgerlicher Name, die Band und startete eine Solokarriere. Ein folgenschwerer Schritt, denn weder er noch Marillion konnten anschließend das kompositorische Niveau der ersten Alben, geschweige denn deren wirtschaftlichen Erlöse halten.

Begonnen hatte der Erfolg bereits 1983 mit dem Marillion-Debüt „Script For A Jester’s Tear“, das Ende April in einer aufwendigen Deluxe-Edition wiederveröffentlicht wurde. Mehr als 60 000 Käufer griffen damals schon in den ersten zwei Wochen zu und sorgten dafür, dass die Scheibe hoch in die britischen Charts kletterte. Für Fish kein Zufall: „Als das Album auf den Markt kam, hatten wir bereits mehr als 120 Konzerte gespielt und besaßen eine treue Anhängerschaft. Die Fans sorgten dafür, dass auch Radiostationen unsere Songs spielten.“

Zwei Jahre später taten die Sender dies sogar unaufgefordert, denn „Kayleigh“ avancierte zum weltweiten Hit und verschaffte auch „Misplaced Childhood“ traumhafte Verkaufszahlen. Die anschließenden Konzerte entwickelten sich zu einem globalen Triumphzug, nur Fish war mit der vermeintlich kommerzielleren Direktive der Gruppe nicht einverstanden. Ihn interessierten eher melancholischere Stücke mit oft von Zweifel und Agonie handelnden Texten. „Schon während meiner Schulzeit verfasste ich Gedichte und Geschichten“, erzählt er. „Es waren zwar keine philosophischen Abhandlungen, einfach nur kleine Storys, die meiner Fantasie entsprangen, aber sie klangen nicht so flach wie die der meisten Popsongs, sondern komplexer und anspruchsvoller.“

Und auch wenn er eine Rückkehr zu seinen ehemaligen Kollegen kategorisch ausschließt, seine Alben mit Marillion erfüllen Fish auch heute noch mit Stolz: „Ich erkenne die große künstlerische Kraft, die in der Band herrschte, aber natürlich auch den einen oder anderen Fehler, den wir gemacht haben. Doch ich bedauere nichts, alles hat seine Existenzberechtigung.“

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