Oldenburg Danyal hat ein Problem. Seine 50.000 Euro sind weg, als er nach fünf Jahren aus dem Knast kommt.

Miko, Danyals kleiner Bruder, hat auch ein Problem. Das heißt, eigentlich sind es zwei: Er hat das Geld des Bruders verzockt, und er ist aus Prinzip arbeitsscheu. Der dritte Bruder, Muhammed, hat ein ganz anderes Problem: Er leidet unter dem Down-Syndrom und soll in ein Heim gesteckt werden, was die Brüder unbedingt verhindern wollen.

Und da haben wir noch gar nicht jene junge Frau erwähnt, die Muhammed aufgelesen hat, und die jetzt auch in der mickrigen Wohnung haust. Die hat das Problem, dass sie dauernd Pillen schlucken muss, sonst tickt sie aus.

Regisseur Kubilay Sarikayas erster langer Spielfilm „Familiye“ zeigt uns nicht gerade eine ideale Familie. Eher ein kaputtes Milieu. Das befindet sich im Kiez von Spandau, in der sonst so langweiligen Vorstadt Berlins. Dort, in der Lynarstraße, scheint es nur Wettbüros, Spielhallen, Autowaschanlagen und jede Menge Typen zu geben, die draußen rumhängen, wie die Verrückten paffen, irgendwelche Drogen verticken oder dicke Schlitten fahren.

Milieustudie? Berlinfilm? Krimi? – Der rasante Schwarzweißstreifen hat von allem etwas. Seine Premiere feiert er am Mittwochabend zur Eröffnung des Oldenburger Filmfestivals in der EWE-Arena. Und man darf sagen: Selten gab es einen so starken Film zu Beginn. Übrigens hat der Schauspieler Moritz Bleibtreu „Familiye“ koproduziert. Er hat einen guten Riecher bewiesen.

„Familiye“ hat eine Energie, die man jedem deutschen „Tatort“ nur wünschen kann. Sarikaya, der auch den Danyal spielt, inszeniert aggressiv und temporeich. Angeblich, was erschreckend ist, „nach wahren Begebenheiten“. Oft geht es brutal zu wie im Gangsterfilm. Gefühlsausbrüche sind gern mit Gewalt gekoppelt, und Schuldeneintreiber sind Muskelpakete. Die haben 180 Volt in den Armen, aber leider brennt oben nicht immer das Birnchen.

Zärtlichkeit zeigt sich in den 90 Minuten etwa in einer ordentlich verabreichten Kopfnuss. Auch sprachlich geht es nicht gerade zart zu. Worte wie Scheiße, Fresse, Pisser, Arsch, Penner und Fotze füllen die Dialoge. Erzählt wird erstaunlicherweise trotzdem innig von Gefühlen der meist kurdischstämmigen Menschen. Im Zentrum steht dabei die Männergeschichte der drei Brüder. Die kommen von ganz unten und kämpfen zwischen Gewalt, Liebe, Kriminalität und Fürsorge um Ehre und Zusammenhalt.

Sicher, der Film, in dem auch der Rapper Xatar mitspielt, wirkt manchmal unbeholfen. Doch wird so nur das Authentische unterstrichen, und dass man sich am Ende in der Handlung leicht verzettelt, nimmt man dem mit viel Liebe gefertigten Film nicht übel. Ein Erstling von erstaunlicher Kraft. Er berührt uns.

Wann dreht diese Mannschaft den ersten „Tatort“?


Der Trailer zum Spielfilm unter:   www.bit.ly/familiye 
Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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