Hannover Tollpatschig, schelmisch, liebenswert: So erlebten die Menschen im Nachkriegsdeutschland Heinz Erhardt auf der Bühne sowie im Film. Der Humorist mit der Hornbrille und dem schütteren Haar wurde in den 50er und 60er Jahren zum Star.

Die Herzen eroberte er nicht nur mit seiner Trottel-Masche, sondern auch mit seinen Versen und Kalauern, die Komiker nach ihm (zum Beispiel Otto Waalkes) inspirierten. Heinz Erhardt philosophierte über die Kuh, die Bienen, den Wurm und über das „Nasshorn“ und das Trockenhorn. Und er gab Tipps für den Alltag: „Bei nasser Straße muss man sechzehn geben – doppelt acht!“

Wie kein Zweiter verkörperte der füllige Unterhaltungskünstler die Zeit des Wirtschaftswunders. Erhardt war der Biedermann, der verklemmte Spießer und der überforderte „Witwer mit fünf Töchtern“ – so ein Filmtitel aus dem Jahr 1957. Eine Ausstellung im Theatermuseum Hannover mit dem Titel „Heinz Erhardt: Privater!“ beleuchtet seit Sonntag die private Seite des musikalischen Entertainers, der 1909 als Sohn eines Kapellmeisters im lettischen Riga geboren wurde und 1979 in seiner Wahlheimat Hamburg starb.

Brillanter Pianist

Für die bis zum 7. Februar laufende Ausstellung haben Erhardts vier Kinder die von ihrem Vater selbst angelegten Erinnerungsalben, Briefe, Noten sowie persönliche Gegenstände zur Verfügung gestellt. Die meisten der mehr als 250 Dokumente und Dinge aus dem Nachlass waren noch nie in der Öffentlichkeit zu sehen.

Museumschef Carsten Niemann hat die Schau als eine Reise in den Kosmos des Kult-Komikers inszeniert. „Wir wollen das Phänomen Erhardt beschreiben. Er war ein manischer Arbeiter, vielleicht ein von sich selber Getriebener“, sagt Niemann.

Aus dem schwarzen Flügel am Museumseingang tönt die Stimme des Witzemachers, der ein brillanter Pianist war. An der Decke hängen Erhardts Smoking sowie eine Polizeiuniform aus dem Film „Natürlich die Autofahrer“ (1959). An den Wänden flimmern Filme und hängen große Fotografien.

Erhardts Enkelin Nicola Tyszkiewicz wollte ursprünglich in alten Briefen entdeckte Gedichte ihres Großvaters anlässlich der Ausstellung veröffentlichen. „Das hat zeitlich leider nicht geklappt“, sagt sie. Die Enkelin kümmert sich um das Erbe von Erhardt. Als Kind hat sie ihn bei Auftritten erlebt. „Mich haben immer die Leute fasziniert, die meinen Großvater so angehimmelt haben“, erinnert sich die Musikproduzentin. Erhardt fasziniert noch immer: Anfang des Jahres zeigte der NDR eine bis dahin unbekannte Komödie des Komikers, und 1,7 Millionen Menschen sahen zu. „Er war sehr ernst, sehr auf seine Arbeit fokussiert“, sagt Nicola Tyszkiewicz.

Albtraum erlitten

Ende 1971 erlitt Erhardt einen Schlaganfall. Er war zunächst halbseitig gelähmt. Er verstand zwar weiter alles, konnte aber bis zu seinem Tod kein Wort mehr sprechen. Für den Komiker wurde ein Albtraum wahr: Zu Freunden hatte er vorher mal gesagt: „Wenn mir – Gott bewahre – etwas zustoßen sollte, und ich zum Beispiel nicht mehr gehen kann, dann müsst ihr mich eben auf die Bühne tragen. Solange ich nur sprechen kann, werde ich es schaffen, das Publikum zum Lachen zu bringen.“

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