Berlin Der vor 33 Jahren gestorbene Kultregisseur Rainer Werner Fassbinder drehte Filme „wie andere Leute Zigaretten“. So schrieb es der „Spiegel“ 1975. Fassbinder arbeitete wie ein Besessener, sieben Jahre nach jenem „Spiegel“-Artikel war er tot. Mit nur 37 Jahren hinterließ der von vielen als Messias des deutschen Films gefeierte Regisseur 44 Filme, die er seit 1966 gedreht hatte. So radikal wie sein Tempo war, so radikal führte der am 31. Mai 1945 im Bayerischen Bad Wörishofen geborene Filmemacher auch die damalige westdeutsche Gesellschaft vor. Die liebte oder hasste ihn: „Fassbinder war genial begabt, aber er war auch ein Mistvieh“, war 1982 in einem Nachruf der Münchner „Abendzeitung“ zu lesen.

Ab Mittwoch können Besucher im Berliner Martin-Gropius-Bau tief eintauchen in das Fassbindersche Universum, zu dem Filme wie „Angst essen Seele auf“ (1973), „Die Ehe der Maria Braun“ (1978) und „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982) zählen. Bis zum 23. August ist dort die Ausstellung „Fassbinder - JETZT“ zu sehen. Die Schau zum 70. Geburtstag des Kultregisseurs ist ein cineastisches Erlebnis. Eine Zusammenstellung von Ausschnitten aus 23 Filmen führt auf drei Leinwänden in die Themen seines Schaffens ein: ausbeuterische Beziehungen, kaputte Familien, Ausgrenzung von Außenseitern, Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, Vor- und Nachgeschichte der Nazi-Zeit.

Fassbinder sei der Spiegel der westdeutschen Gesellschaft gewesen, sagte seine frühere Lebensgefährtin und Cutterin Juliane Maria Lorenz, die auch Präsidentin der Rainer Werner Fassbinder Foundation ist. Der Direktor des Martin-Gropius-Baus, Gereon Sievernich, betonte, Fassbinders Filme hätten „wie Meteoriten“ in eine „vermuffte“ Gesellschaft eingeschlagen.

Außerdem werden Ausschnitte aus TV-Interviews gezeigt, in denen der Schulabbrecher und Autodidakt, der immer gleichzeitig an mehreren Projekten arbeitete, sein Filmverständnis erklärt. „Ich wollte kein Hollywoodkino kopieren“, sagt er da etwa. Fassbinders Opus Magnum ist der 14-stündige TV-Mehrteiler „Berlin Alexanderplatz“ (1979/80), an einer Audiostation können Besucher Auszüge seines Diktats des Drehbuchs nachhören. Aus Fassbinders persönlichem Nachlass sind sein Flipper-Automat, seine Videokassettensammlung und sein Sofa die spektakulärsten Exponate.

Ein eigener Raum ist Fassbinders langjähriger Kostümbildnerin Barbara Baum gewidmet, die ihn angeblich ohne Worte verstand. Den Aufstieg und Fall seiner Figuren inszenierte Fassbinder oftmals in Lamé-Kleidern, umgesetzt von Baum. Im Martin-Gropius-Bau sind etwa das silberne Kleid, das Hanna Schygulla in „Lili Marleen“ (1980) trug, oder das Spitzenkleid von Barbara Sukowa in „Berlin Alexanderplatz“ zu sehen. Schygulla ist in der Ausstellung übrigens fast allgegenwärtig: Sie gehörte zu Fassbinders Stammteam, ebenso wie der Kameramann Michael Ballhaus.

Stichwort Kamera: Kreisende Kamerafahrten, bei denen dem Zuschauer fast schwindlig wird, zählen zu Fassbinders Stilmitteln - etwa in der Szene der ersten Begegnung des künftigen Liebespaares in „Martha“ (1973). Hier setzt auch der zweite Teil der Schau an: die Gegenüberstellung von Fassbinders Filmen mit Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern, um den anhaltenden Einfluss des Regisseurs darzustellen. Die in Bangladesch geborene Künstlerin Runa Islam verfremdete beispielsweise die 360-Grad-Kamerafahrt aus „Martha“ in einer ihrer Videoarbeiten. „33 Jahre nach seinem Tod ist Fassbinder aktuell“, betont die Direktorin des Deutschen Filmmuseums Frankfurt am Main, Claudia Dillmann: „Seine Radikalität macht ihn so gegenwärtig.“

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