Oldenburg Dieses Buch ist ein Nachttisch-Buch. Florian Illies (41) hat einen Text verfasst, aus dem man kurz vor dem Einschlafen noch einige Absätze lesen kann, und doch eine abgeschlossene Geschichte serviert bekommt.

„1913“ ist nämlich eine geschickt montierte Collage aus Lebensereignissen von Menschen, die zwar chronologisch aufeinander aufbauen, aber auch einzeln genossen ihren Reiz entfalten. Spengler, Rilke, Mann, Kirchner, Lasker-Schüler und Jünger – es sind einige der großen Namen, die den Reiz des Buches ausmachen. Man begleitet all diese Gestalten durch ein Jahr ihres Lebens und erlebt parallel die Weltereignisse des letzten Vorkriegsjahres mit.

Dabei gilt es, Überraschendes zu entdecken. 1913 war das Jahr, in dem die Mona Lisa verschwand und wiedergefunden wurde, der erste Looping bestaunt und das erste Telegramm per Funk von New York nach Berlin geschickt wurde.

Es war eine echte Fleißarbeit, die von großer Kenntnis zeugt, all dies sinnvoll zu montieren, ineinander zu verweben und dabei auch noch eine Geschichte zu erzählen. Zweifellos ist Illies dazu bestens qualifiziert. Der Journalist ist Kunsthistoriker und darüber hinaus bei einem Auktionshaus für die Kunst des 19. Jahrhunderts verantwortlich.

Zusammenhänge fehlen

Das große Verdienst von „1913“ ist es, zu zeigen, wie blutvoll, wie reich, ja wie wild die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in Europa gewesen ist. Es straft die gern im politisch linken Spektrum gepflegte Legende Lügen, die noch immer Glauben machen will, das Kaiserreich sei ein erstarrter Obrigkeitsstaat gewesen, der jegliche kreative Regung im Keim zu ersticken versuchte.

Im Gegenteil: Kaum eine andere Zeit dürfte derart vielfältige Strömungen in der bildenden Kunst, der Musik, der Psychologie und der Literatur hervorgebracht haben. All das macht Illies deutlich, ja er überschüttet den Leser regelrecht mit dieser Vielfalt.

Genau hier aber beginnen auch die Probleme des Bestsellers. Vieles bleibt eben kaleidoskopartig, verdichtet sich nicht zu einem vollständigeren Bild, das zu einem tieferen Verständnis der Zusammenhänge führen könnte. Bei Illies existieren die Dinge einfach, sie passierten eben. Wer gern die Frage „Warum?“ stellt, wird unbefriedigt bleiben.

Das gilt vor allem für die Frage nach dem „Warum“ des kommenden Krieges, der immer wie ein Schatten über all der Pracht von Kunst und Literatur zu schweben scheint. Dieser Schatten ist da – warum er letztlich Europa und die Welt verhüllte, vermag Illies’ Collage nicht zu erklären.

Das bleibt das Geschäft des Historikers, etwa von Christopher Clark, dessen jüngst erschienen sensationelle Erklärung des Kriegsausbruchs schnellstens eine Übersetzung ins Deutsche verdient. Leider kann sich nämlich Illies auch von der historischen Überheblichkeit der Nachgeborenen nicht frei machen, die es für unverständlich hält, dass damals nicht jeder den Krieg hat kommen sehen.

Unterhaltsame Lektüre

Manchmal gibt „1913“ auch Grund zum Ärger. Zu Illies’ Figuren zählen die großen Mörder des Jahrhunderts Hitler und Stalin, dazu kommen Tito und Trotzki. Ihr Auftreten wirkt oft schlicht konstruiert.

Sogar Eva Braun wird da im Kinderwagen durch die Gegend geschoben, obwohl sie doch schon 1912 geboren wurde – ein arg plumpes Spiel mit Nazi-Personal.

Ärgerlich sind auch faktische Fehler. Den zweiten Balkankrieg eröffnete eben nicht Serbien mit einer Kriegserklärung, sondern die bulgarische Armee griff im Juni 1913 ohne eine solche serbische und griechische Stellungen an. Gänzlich fragwürdig ist es, wenn Illies, den grandiosen Dichter Stefan George zum Schöpfer eines „Kultes“ reduziert, der die „Päderastie“ verklärt.

Fazit: „1913“ ist unterhaltsamer, populärer Lesestoff. Wer tieferes Verständnis sucht, wird sich aber anderen Autoren zuwenden müssen.

Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Mitglied der Chefredaktion (Überregionales)
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