Emden In der Auseinandersetzung mit dem Werk seiner Künstlerkollegen gab es für Horst Janssen kein „Dazwischen“: entweder Bewunderung und Identifikation oder Hohn und Spott. Ersteres galt seinen großen Vorbildern wie Rembrandt, Dürer oder Füssli, Letzteres war für seine Zeitgenossen reserviert – vor allem Warhol, Beuys, aber auch Dalí oder Meckseper. Zeichnend hat er sich an allen abgearbeitet, und als „Wörterer“ – im Titel und auf dem Papier selbst – kommentierend und ironisierend das Vor-Bild zu etwas Eigenem gemacht.

Eröffnung an diesem Samstag

Die Ausstellung „Kosmos Janssen“ wird an diesem Samstag, 16.30 Uhr, in der Kunsthalle Emden (Hinter dem Rahmen 13) eröffnet (bis 26. Januar).

Öffnungszeiten: di. bis fr. 10–18 Uhr, sa. und so. 11–18 Uhr (bis 6.10.); di. bis fr. 10–17 Uhr, sa. und so. 11–17 Uhr (ab 8.10.)

„Horst Janssen und die Bildende Kunst“ lautet der Untertitel einer umfangreichen Janssen-Ausstellung mit rund 260 Arbeiten, die an diesem Sonnabend in der Kunsthalle Emden eröffnet wird. „Komos Janssen“ ist die zweite Schau in Emden, die dem großen Zeichner und Grafiker gewidmet ist – die erste war 1988 zu sehen. Und dennoch ist sie eine Premiere, denn sie ist in Kooperation mit dem Oldenburger Horst-Janssen-Museum entstanden, aus dem ein Großteil der Leihgaben stammt und das ergänzend den „Kosmos“ um den schreibenden Janssen erweitert. Zu sehen ist die Oldenburger Schau vom 16. November an, zwei Tage nach Janssens 90. Geburtstag (1929–1995). Die Doppelbegabung des Ausnahmekünstlers wird damit erstmals in dieser Breite und Ausführlichkeit präsentiert.

Die Emder Schau punktet zunächst einmal mit Fülle – die ausgewählten Arbeiten stammen nicht nur aus allen Schaffensphasen – das Motiv von Katze und Maus findet sich zuerst 1959 und zuletzt 1994 –, sondern gruppieren sich auch um gleich zehn verschiedene Themen. Vom Briefwechsel mit Henri Nannen und dem Spaziergang mit Hokusai über das Erotische Kabinett (mit Picasso, Rembrandt und Schiele) und die Auseinandersetzung mit den Romantikern, mit der französischen und italienischen Zeichnung bis zum Dialog mit Dürer und Rembrandt. Am Ende schließlich die „Lust am Spott“, ein Kapitel, das der Besucher auf keinen Fall versäumen sollte, denn hier zeigt sich Janssen von seiner scharfzüngigsten Seite.

Als Vorlage seiner Aneignungen dienten Janssen diverse Kunstbücher, die in der Kunsthalle in Vitrinen ausgelegt sind, um zu zeigen, wie er sich an ihnen abgearbeitet hat, sie mit Farbe bekleckert, zerfleddert und für Collagen zerschnitten hat. Die Ergebnisse dieser ganz konkreten, sichtbaren Auseinandersetzung sind keineswegs Kopien. Auch wenn es ihm mühelos gelang, den Stil seines Vorbildes nachzumachen, hatte Janssen nicht die Absicht, eine möglichst perfekte Reproduktion herzustellen. Janssens kopierendes Vorgehen, schreibt Kuratorin Eugenia Kriwoscheja im Katalog, basiere vor allem „auf einem Spiel mit Ähnlichkeit und Differenz“. Das mit schnellem Strich hingeworfene Antlitz mit dem wuscheligen Haar und den bohrenden Augen ist eindeutig ein Selbstbildnis von Rembrandt – aber auch eines von Janssen. „Nach ,Ihm‘“ lautet ein Titel – respektvoll, aber nicht devot.

Das trifft ebenso auf Rembrandts Bild von „Mutter und Kind“ zu. Die Abbildung hat Janssen einfach aus einem seiner Bücher herausgerissen und auf ein Papier geklebt, um seine eigene Feder-Fassung danebenzusetzen – etwas größer und etwas gröber. Seht her: Das kann ich auch. Ein Verwandlungsspiel, das am besten funktioniert, wenn man das Original kennt oder noch besser: vor Augen hat. Dabei dienen ihm die Stilmittel der Alten Meister auch, um eigene Motive zu bearbeiten. Da wird schon mal „ein altes Thema geklingert“.

In den Titeln blitzt Janssens Humor auf, im Bild selbst wird ausufernd „gewörtert“ – bissig und süffisant, wenn es um seine Zeitgenossen geht. Namentlich Andy Warhol ist die Zielscheibe seines Spotts. Bei ihm erweist er sich als boshafter Wortschöpfer. Und so lautet der erste Satz seines literarischen, wenig schmeichelhaften Kommentars zum gezeichneten Porträt in Pastell: „Endi war hohl und sehnte sich nach Füllung.“

Fortsetzung folgt: im November in Oldenburg.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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