Oldenburg Ein echter Gassenhauer ist jenes Brecht-Zitat vom noch fruchtbaren Schoß, aus dem „das“ kroch, nämlich der Faschismus. Er stammt aus dem Epilog des Stückes „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“.

Radikale Konsequenz

In Marc Beckers Inszenierung der von Bertolt Brecht im Exil verfassten „Historien-Farce“, die am Mittwochabend im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters Premiere hatte, fehlt er indes. Stattdessen gibt es einstürzende Neubauten aus Obstkisten, hoch, sehr hoch gestapelt: das Ende der hochfliegenden Pläne des Arturo Ui, der nach Chicago und Cicero immer mehr will – New York als Höhepunkt seiner Ambitionen.

Weshalb die fallenden Kisten-Türme hier ein doppeltes Sinnbild sind: Zum einen stehen sie für das Kapital, im „Aufstieg des Arturo Ui“ durch die Mitglieder eines Gemüsekartells personifiziert, zum anderen verweisen sie auf das World Trade Center, das von den Attentätern des 11.9.2001 als Symbol des amerikanischen Kapitalismus angegriffen wurde. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, lässt Becker seinen Ui dann auch mit US-Präsident Bush sagen.

Brecht hätte diese Lesart wohl geteilt, verstand er doch, wie das Programmheft ausführt, den Faschismus als „konsequenten Spätkapitalismus“ und damit als radikale Konsequenz der Marktwirtschaft – weshalb der Schoß bis heute fruchtbar ist.

Das Grundsätzliche an Brechts Kritik, dass nämlich der Kapitalismus an sich die Tendenz zur faschistischen Radikalisierung hat, deutet Becker über die Sprüche auf den Transparenten an, die Uis Gefolgsleute aufstellen. Im besten Werbesprech preisen sie Gewalt als Mittel der Politik: „Mit Sicherheit ein gutes Gefühl“ oder: „Schutz ist geil“.

Die schrittweise faschistische Gleichschaltung der Gesellschaft erzählt das Bühnenbild über die sukzessive Auflösung der getrennten Sphären von Politik, Wirtschaft und Justiz. Eine schlüssige politische Lesart.

Komische Details

Dennoch verlässt man das Theater ein bisschen unbefriedigt. Zwar ist Rüdiger Hauffe ein überzeugender Ui, sind seine Gefolgsleute – vor allem Givola (Goebbels/Denis Larisch) und Giri (Göring/ Klaas Schramm) – die grotesken Figuren, die einer „Historien-Farce“, wie Brecht sein Stück nannte, angemessen sind. Auch ein paar hübsche, komische Details gibt es (neben den Playmobilfiguren) zu entdecken, etwa den hinreißend verspäteten Tod des Zeugen Fish oder das Absingen eines Einkaufszettels.

Aber das sind eher sporadische Höhepunkte. Bei den erfolgreichen Bemühungen auf der politischen Ebene scheint leider ein wenig die Lust an der Farce verloren gegangen zu sein.

Karten:t 0441/22 25 111

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