JEVER Der Kurator trägt ein rot-kariertes Hemd und eine dunkle Jeans, aber das passt schon. „Damals waren wir ja auch meistens in zivil unterwegs“, sagt Peter Schmerenbeck (55) und grinst breit. Blümchenhemden trugen die anderen, damals in den 70ern, in der Diskothek „Newtimer“ in Zetel oder in „Meta’s Musikschuppen“ in Norddeich.

Also ab in die Disko. Schmerenbeck dreht im Freesenturm des Jeveraner Schlosses das Licht aus, auf einer Leinwand drehen sich bunte Kreise. In den Lautsprechern stürzt sich die holländische Band Alquin in ein wagemutiges Gitarrensolo, und das Licht der bunten Kreise im Turmzimmer reicht so eben aus, um zu zeigen, dass Schmerenbeck jetzt noch ein bisschen breiter grinst.

Schmerenbeck arbeitet nämlich seine Jugend auf – und die der ganzen Region gleich mit. Der 55-Jährige ist Kurator der „Disko“-Ausstellung im Schlossmuseum Jever. Mit vollem Titel heißt die Schau „Break on through to the other side. Tanzschuppen, Musikclubs und Diskotheken im Weser-Ems-Gebiet in den 1960er, 70er und 80er Jahren“, und wenn Schmerenbeck den nennt, grinsen auch alle anderen Leute. „Denn die Diskos“, sagt Schmerenbeck ernst, „sind ein wichtiger Teil unserer Kulturgeschichte.“

Doch von Anfang an. Links oben im Schloss hängen alte Filmplakate an der Wand, in einer Vitrine findet sich ein Petticoat. Hinten dudelt die Musicbox, in der Mitte hat eine Band ihre Instrumente aufgebaut. „Rock’n’ Roll und Beatmusik, damit ging es los“, erklärt Schmerenbeck. Die Beatwelle schwappte von England nach Deutschland, die Tanzlokale wurden zu Beatschuppen.

140 solcher Gaststätten gab es in den 60er Jahren im Nordwesten, haben die Ausstellungsmacher herausgefunden, 100 Bands aus Emden, Oldenburg oder Wilhelmshaven traten dort auf. In Jever spielen sie nun noch einmal: 22 Tonband-Aufnahmen von regionalen Beatbands haben Schmerenbeck und seine Kollegen entdeckt, die sich die Ausstellungsbesucher per Kopfhörer anhören können.

Über der Tür zum Nachbarzimmer blinkt dunkelrot eine Leuchtreklame. „Meta’s“ steht darauf, „freitags und sonnabends ab 22 Uhr“. Heute macht Meta früher auf: Schmerenbeck öffnet die Tür, und plötzlich steht man in einer der ersten Diskotheken der Region. Hinten lehnen die lederbeschlagenen Barhocker an der Mauer, daneben lagert Metas Silberschmuck, vorne steht ihr berühmter „Durst-Löschzug“, ein fellgeschmückter Bollerwagen mit Getränkekisten. „Alles original“, schwört Schmerenbeck.

Eineinhalb Jahre haben er und sein Team für die Ausstellung recherchiert, 150 Zeitzeugen befragt. Jetzt gibt es einen Raum für Wolfgang Schönenbergs Kult-Disko „Scala“ in Lastrup, für das „Charts“ in Harkebrügge, das „Montparnasse“ oder das „Renaissance“ in Oldenburg. Plattencover hängen an der Wand, Blümchenhemden in den Vitrinen, Getränketafeln an der Decke. Es gibt Multimedia-Stationen mit Play-Listen von Discjockey Otto Sell aus dem „Ede Wolf“ und packende Film-Interviews mit den Disko-Chefs von damals.

„Sinnlich“ soll seine Ausstellung sein, sagt Kurator Schmerenbeck, „sie soll Erinnerungen wecken.“ Sein Lieblingsausstellungsstück ist deshalb auch kein Barhocker oder Bollerwagen, sondern ein Song: „Paint It Black“ von Jody Grind. Zu hören dienstags bis sonntags im Freesenturm, immer nach dem Gitarrensolo von Alquin.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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