BREMEN /OLDENBURG BREMEN/OLDENBURG - Brötchen, darauf hätte er ja auch früher kommen können. Osman Engin hat zwölf Bücher veröffentlicht, es gab sehr freundliche Kritiken in der regionalen Presse, und richtige Osman-Fans kennt er inzwischen auch ein paar. Aber Auflagen in sechsstelliger Höhe, die erreicht der Satiriker erst seit kurzem – seit seine Texte auf Brötchentüten veröffentlicht werden.

Brötchen also. „Die Kultur“, erklärt Verleger Frank Riepe, „muss sich heute neue Wege suchen.“ Der Bremer weiß, wovon er spricht: Er war Dramaturg am Bremer Waldau-Theater, bis die Bühne Pleite machte. Riepe verlor seinen Job – und druckte fortan Kurzgeschichten auf Brötchentüten.

Mit Erfolg: In nicht einmal acht Monaten stieg die Gesamtauflage auf 650 000 Tüten, in 160 deutschen Städten gibt es Riepes Brötchen-Literatur inzwischen zu kaufen. Gerade ist die fünfte Auflage erschienen. Riepe hat wegen der großen Nachfrage gleich 100 000 Stück drucken lassen. „Wunderbar“, freut sich der Jungverleger: „Die Autoren verdienen ein wichtiges Zubrot, und die Bäckereien haben ihre Werbung.“

„Naja“, sagt Autor Osman Engin: „Ein wichtiges Zubrot wäre die Tütenliteratur wohl erst bei einer Millionenauflage.“ Natürlich steckt er die „vielleicht 100 bis 200 Euro“ Tantiemen gern ein, den Nutzen der Tüten sieht er aber woanders: „Meine Bücher verkaufe ich an Leute, die mich bereits kennen. Und über die Brötchentüten lernen mich täglich neue Leute kennen.“

„Naja“, sagt auch Andrea Kopp. Die Chefin der Oldenburger Bäckerei „Störtebäcker“ verpackt ihre Brötchen nur noch in schöngeistig bedruckte Riepe-Tüten – allerdings nicht wegen der Werbewirkung. „Eigennutz“, begründet sie die Wahl der Verpackung: „Ich habe einfach Spaß an den Texten, ich lese sie alle.“ Dieser Spaß sei ihr die „vielleicht 10 bis 20 Euro“ Mehrkosten, mit denen die bedruckten Tüten zu Buche schlagen, allemal wert.

Es ist also eher umgekehrt: Die Autoren bekommen ihre Werbung, und die Bäckereien geben ihren Kunden wortwörtlich ein Zu-Brot mit. „Ich weise die Käufer eigens auf die Texte hin“, sagt Andrea Kopp, „damit sie auch nichts übersehen.“

Das wäre zu schade, findet auch Verleger Riepe, „wir achten nämlich sehr auf Qualität“: Fast alle der 20 Brötchentüten-Autoren haben schon mehrere Literaturpreise gewonnen. Osman Engin etwa, beim renommierten Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) unter Vertrag, heimste namhafte Auszeichnungen in Bremen, Berlin und Gelsenkirchen ein.

Frank Riepe plant derweil schon weiter, nämlich fürs Ausland: Lesefutter-Brötchentüten soll es ab dem Frühjahr nicht nur in Deutschland, sondern auch in Luxemburg geben. Und auf Brötchen festlegen möchte sich Riepe auch nicht, er hat bereits die nächste Branche im Blick: Buchhandlungen.

„Das ist doch nahe liegend“, findet der pfiffige Verleger: „Sie kaufen ein Osman-Engin-Buch und transportieren es in einer Tüte, auf der eine Osman-Engin-Kurzgeschichte steht.“

Autor Engin kennt das schon. Bei Lesungen verkauft er Osman-Bücher nur noch in der Osman-Tüte. „Die Nachfrage“, berichtet der Bremer, „ist deutlich gestiegen.“

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.