BREMEN

Die Inszenierung arbeitet mit deftigen Grenzüberschreitungen. Regisseur Barry Kosky legt den Focus auf die Freisetzung des Triebhaften. Von Wolfgang Denker BREMEN - Das Oldenburger Publikum wird sich gern an die Spielzeiteröffnung der Saison 2004/2005 erinnern: „The Fairy Queen“ von Henry Purcell war ein fantasievolles, pralles Theatererlebnis, basierend auf dem „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare. Fast 300 Jahre nach Purcell hat ein anderer Engländer den Stoff zu einer Oper verarbeitet. „Ein Sommernachtstraum“ von Benjamin Britten wurde 1960 in Aldeburgh uraufgeführt. Auch musikalisch sind beide Werke verbunden, denn Britten nahm durchaus Bezug auf barocke Form- und Stilelemente, nicht zuletzt durch die Besetzung des Feenkönigs Oberon mit einem Countertenor.

Regisseur Barry Kosky und sein Bühnenbildner Michael Zerz haben in ihrer Bremer Inszenierung von Brittens „Sommernachtstraum“ vom Zauberwald Shakespeares nichts übrig gelassen. Schauplatz ist eine Art Schulhof; das Personal scheint aus Schülern (die die Formen der Liebe erst noch für sich entdecken müssen) oder aus Revuegirls (denen nichts mehr fremd ist) zu bestehen. Eine schwindelerregend hohe Wendeltreppe ermöglicht effektvolle Auf- und Abtritte in Einklang mit den musikalisch weit gespannten Bögen.

Kosky legt den komödiantischen Focus auf die Freisetzung des Triebhaften. Dabei gerät die Szene zwischen Tytania (apart und koloratursicher: Jennifer Bird) und dem in einen Esel verwandelten Bottom (besser bekannt als Zettel) übertrieben drastisch. Sänger Karsten Küsters muss sich mit seinem überdimensionalen „Ding“ im fröhlichen Penisschwingen üben. Aber die Überschreitung von Tabus und die Darstellung verdrängter Fantasien ist ja im Stück enthalten. . .

Immerhin versöhnt Kosky im Finale des 2. Aktes: Mit den vielen herabschwebenden, silbernen Discokugeln zum Nachtgesang der Feen glückt ein kühles, aber geradezu poetisches Bild. Im 3. Akt mutieren die Handwerker bei ihrer munteren und mit komödiantischen Einfällen gespickten Schauspielprobe, bei der Flute (pointiert: Mihai Zamfir) ständig einschläft und schnarcht, zu Zirkusclowns, was von Brittens Musik durchaus gestützt wird. Oberon (verkörpert von Matthias Koch mit etwas dünnem Countertenor) ist ein fast androgynes Wesen mit Lustknaben, die wie Hunde um ihn herumkriechen. Ein Kabinettstückchen gelingt Eva Gilhofer als Puck – ein mürrischer, schimpfender Kobold. Das ist großartig gemacht, aber war dieses unvorteilhafte Kostüm wirklich dazu nötig?

Die beiden Liebespaare Hermia und Lysander bzw. Helena und Demetrius sind mit Sybille Specht und Benjamin Bruns bzw. Dunja Simic und George Stevens ausdrucksstark und stimmprächtig besetzt. Dirigent Florian Ludwig setzt besonders im 2. Akt kräftige, dramatische Akzente und bringt insgesamt Brittens kunstvolle Musik mit ihren Glissando-Klängen zum Leuchten.

Karten: Tel. 0421/3 65 33 33

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