BREMEN Der Regisseur verabschiedet sich mit der Operette vom Bremer Publikum. Seine Inszenierung hat er mit vielen Effekten gespickt.

Von Wolfgang Denker BREMEN - Es ist leider der letzte Geniestreich, den Helmut Baumann den Bremern schenkt. Nach sechs höchst erfolgreichen Musical-Produktionen, mit denen er die Ära von Klaus Pierwoß (er hielt am Ende eine Laudatio auf Baumann) entscheidend mitgeprägt hat, nun also Operette. Aber nicht irgendeine, sondern Offenbach, der nicht nur Herz und Gemüt bedient, sondern vor allem auch frech und spöttisch daherkommt.

Baumann schuf (zusammen mit Lida Winiewicz) für seine Inszenierung der Operette „Pariser Leben“ eine neue, sehr gelungene Textfassung, die sich ganz eng an dem französischen Original orientiert. Dabei geht es um Baronin und Baron Gondremarck aus Schweden, die sich in der feinen Pariser Gesellschaft amüsieren wollen, aber an die beiden Lebemänner Gardefeu und Bobinet geraten. Die beiden machen sich einen Spaß und „inszenieren“ die feine Gesellschaft mit Stubenmädchen, Köchen und Schuhmachern, die sich als Major, Admiral und Oberstenwitwe ausgeben.

Baumanns Regie hat Witz und Tempo, bleibt dabei immer ästhetisch und geht nie unter die Gürtellinie. Wieder schüttet er ein Füllhorn an herrlich komischen und effektvollen Einfällen aus, etwa die von schwarzen Luftballons gehaltene Schleppe der „Oberstenwitwe“, der männliche Can Can, die turbulenten Szenen bei der table d'hôte mit der aufgeplatzten Hosennaht des „Admirals“ und dem Schuhplattler oder der skurrile Aufmarsch der deutschen Gäste mit Pickelhauben und Rauschebärten. Das Bühnenbild (Baumann und Natascha Steinkamp) ist opulent. Ein besonderer Effekt sind die drei Frontansichten der Lokomotiven, die unter Dampf und Getöse plötzlich auftauchen. Und erst die Tanzeinlagen in der Choreografie von Jacqueline Davenport! Neben dem üblichen Can Can gibt es auch ein brasilianisch angehauchtes Ballett – ein Fest für alle Sinne.

Diese Produktion macht wieder einmal deutlich, welch ein Schatz ein eingespieltes, funktionierendes Ensemble für ein Theater ist. Allen voran begeistert Karsten Küsters als verhinderter Lebemann Baron Gondremarck, gesanglich (und tänzerisch!) von umwerfender Komik und Präsenz.

Jennifer Bird trifft als Kurtisane Metella in ihrer Briefszene wunderbar den leichten Chanson-Ton, während Sabine Hogrefe als Baronin mehr die Opernsängerin herauskehrt. Gardefeu und Bobinet sind bei Tenor Christian Baumgärtel und Bariton Christian Miedl mit viel Spielfreude bestens aufgehoben. George Stevens setzt in der leider kleinen Rolle des Brasilianers markante Akzente; Ingrid Frøseth gibt eine verschmitzte Pauline, und Nadine Lehner ist als Handschuhmacherin Gabrielle mit schöner Stimme und kecker Darstellung geradezu bezaubernd. Erwin Wirschaz bringt als kauziger Diener einen Hauch von „Dinner for one“ ein, und Eva Gilhofer spielt die abgeklärte Freifrau.

Das hochrangige musikalische Niveau ist nicht zuletzt Florian Ludwig und den Bremer Philharmonikern zu danken, die die Offenbachsche Musik mit unglaublichem Schwung und dabei äußerst kultiviert servieren.

Karten: 0421/36 53 333

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