Bremen Ein „vielmal vom Theater geschundener Text“ sei der „Woyzeck“, schrieb Heiner Müller einst. Die Bearbeitung von Robert Wilson, Tom Waits und Kathleen Brennan eine weitere Schändung zu nennen, wäre maßlos übertrieben, mindestens. Aber es ist schon ein Jammer, wenn, wie nun im Bremer Theater am Goetheplatz, die Texte, die Waits mit Brennan schrieb, nicht nur gelegentlich unverständlich bleiben. Vielleicht wären da wirklich Übertitel angebracht, wie es in der Oper ja auch üblich ist.

Dass die Songs von Waits dennoch künstlerischen Mehrwert produzieren, ist vor allem das Verdienst der beiden Hauptfiguren: Simon Zigah ist sowieso ein toller Woyzeck – ein großes Kind, das mehr ahnt als weiß, wie es um ihn und seine Stellung in der Gesellschaft steht, das seine Gefühle für Marie am besten in den eher schlichten Harmonien eines Songs ausdrücken kann. Mit unaufdringlichem Timbre gibt er seiner Figur gerade in den Songs beträchtliche seelische Tiefe. Annemaaike Bakker zeigt eine hinreißende Marie zwischen großer Verlorenheit und enormer Vitalität, voller Sehnsucht nach dem guten Leben, die ihr zum Verhängnis werden wird.

Das beschädigte Leben nicht nur Woyzecks lässt Klaus Schumacher in einer Arena (Bühne: Katrin Plötzky) spielen – ein schlichtes, aber wirkungsvolles Bild, das ebenso auf soziale Rangordnungen verweist wie auf den Voyeurismus der Schadenfreude. Wobei Woyzecks Peiniger allerdings alles andere als die Sieger der gesellschaftlichen Verhältnisse sind.

Der Doktor (Guido Gallmann), der an Woyzeck herumexperimentiert, scheint regelrecht irre geworden an seinem Beruf, bricht – einer der nicht wenigen großartigen Momente dieses Abends – vor Lachen geradezu zusammen, als er den Satz aussprechen will: „Der Mensch ist frei.“

Auch der Hauptmann, dem Woyzeck gegen ein Taschengeld dient, ist eine gebrochene Figur, schon vordergründig, weil ihn eine Frau spielt: Susanne Schrader im Dietrich-Look lässt sich von Woyzeck die Beine rasieren, genauer: die Stiefel, was an Machtspiele wie aus einem SM-Studio denken lässt.

„Jeder Mensch ist ein Abgrund“, weiß Woyzeck. Und das Ensemble setzt das auch bis in die kleineren Rollen hervorragend um. Nur eben leider musikalisch nicht immer. Und das betrifft nicht nur die englische Aussprache.

Von der Band, bei der Premiere bestehend aus Andy Einhorn, Rudolf Schmücker, Tobias Vethake und Stefan Ulrich, hätte man sich auch ein bisschen mehr Waits’sche Eigenwilligkeit gewünscht, ein bisschen zu ordentlich, zu sauber erledigen die Musiker ihre Aufgabe.

Waits’ eigene Interpretationen der „Woyzeck“-Songs, nachzuhören auf dem Album „Blood Money“, sind da deutlich anarchischer, rauer und just deshalb auch emotional packender.

Der begeisterte Applaus am Ende war allerdings trotzdem höchst verdient.

Karten: 0421/36 53 333

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