Oldenburg Mit nur wenigen und schnell gesetzten Strichen skizzierte der Maler und Grafiker Eduard Bargheer im Jahr 1954 den amerikanischen Kunsthistoriker Bernard Berenson, einen hageren Mann mit wenig Haaren, zusammengekniffenen Augen und einem schmalen Kinn mit Bart. Berenson, der legendäre Kenner der italienischen Renaissancekunst, war zu diesem Zeitpunkt bereits 89 Jahre alt und blickte auf ein Leben als Kunsthistoriker und Connaisseur zurück. Der aus Hamburg stammende Eduard Bargheer war Anfang 50, lebte genau wie Berenson in Italien und arbeitete dort als freier Künstler.

Die Männer verband seit über einem Jahrzehnt eine enge Freundschaft, nachdem beide während der deutschen Besetzung Italiens von Filippo Serlupi Crescenzi, einem Botschafter San Marinos beim Heiligen Stuhl, in Florenz vor dem Zugriff der Nazis versteckt worden waren.

Bargheer war 1925 zum ersten Mal nach Florenz gereist, wo er die Malerei der Frührenaissance für sich entdeckte und eine Italien-Sehnsucht entwickelte, die ihn immer wieder in das Land zurückführen und schließlich auch dort leben lassen sollte.

Nach einer Lehrerausbildung hatte er mit Anfang 20 beschlossen, freier Künstler zu werden. Schon 1926 wurde eines seiner Werke von der Hamburger Kunsthalle angekauft. In Hamburg gehörte er seit 1929 zu den Mitgliedern der Sezession und dem Kreis um Aby Warburg und Erwin Panofsky.

Er zeichnete und malte stets gegenständlich, wenngleich er seine Kompositionen in spätexpressionistischer Manier geometrisch abstrahierte. Bargheer war ein Gegner des NS-Regimes und galt als „entarteter Künstler“, weshalb er im Winter 1939/40 endgültig nach Italien, das er bis dahin oftmals bereist hatte, emigrierte und sich in Forio auf Ischia niederließ.

Auch Bernard Berenson war dem mediterranen Süden verfallen und hatte seinen dauerhaften Wohnsitz in Italien. Der in Litauen geborene und in Boston und Harvard aufgewachsene jüdische Kunstwissenschaftler war als Spezialist für die italienische Renaissancekunst berühmt geworden und über Jahrzehnte eine unangefochtene Autorität auf diesem Gebiet. Insbesondere mit seinen Zuschreibungen prägte er die Kunstgeschichtsschreibung maßgeblich, und mit seinem Expertenwissen war er für den Kunstmarkt eine zentrale Figur.

Sein Urteil konnte ein anonymes Gemälde zu einem Tizian machen oder es einem Nachahmer zuschreiben und war damit ausschlaggebend für Prestige und Wert eines Werkes. In seiner Villa I Tatti in den Hügeln von Florenz, wo auch Bargheer häufig zu Besuch war, hielt er Hof. Hierhin kamen amerikanische und europäische Kunstkenner, Sammler und Mäzene.

Berenson war jedoch nicht nur auf die italienische Renaissance festgelegt. Er beschäftigte sich auch mit chinesischen Bronzen und griechischen Kunstwerken. Außerdem schrieb er schon sehr früh über die Kunst Cézannes. So soll er Leo Stein, der auf der Suche nach interessanter moderner Malerei war, bei einem Parisbesuch 1903 zu seiner Epoche machenden Sammeltätigkeit angeregt haben, indem er ihm die Frage stellte: „Kennen Sie Cézanne?“

Dieses Interesse für die zeitgenössische Kunst hat ihn immer wieder mit den Künstlern seiner Zeit zusammengebracht, so auch mit Bargheer. Wo die beiden sich begegnet sind, als die Radierung entstand, die den Kunstkenner im Profil und mit entschlossenem Blick festhält, ist nicht überliefert. Vermutlich wird es in Italien gewesen sein, dem Land, das beide Männer miteinander verband.

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