Oldenburg Jahrhundertelang war es ein Ort der Ausgestoßenen und Abgeschobenen, sieben Kilometer außerhalb des Oldenburger Stadtzentrums. Wer schwer einzugliedern war, landete im ehemaligen Kloster Blankenburg. Ein Ort mit verstörender, verdrängter Geschichte, der nun unter der Regie von Julia Roesler auf die Bühne kommt – als dokumentarisches Theaterprojekt der Göttinger „Werkgruppe 2“, die mit dem Oldenburgischen Staatstheater kooperiert. Aus mehr als 20 Interviews mit Zeitzeugen wurde eine 60-seitige Textfassung mit sechs theatralen Figuren erarbeitet.

Das ehemalige Dominikanerkloster Blankenburg hat eine düstere Vergangenheit: Im Mittelalter war es ein Pesthaus, im 17. und 18. Jahrhundert ein „Siechen- und Irrenhaus“, das im 20. Jahrhundert als psychiatrische Anstalt weitergeführt wurde. Im Dritten Reich wurden viele Patienten Opfer der NS-Euthanasie. Bis in die 1980er Jahre diente es als psychiatrische Einrichtung. Schließlich wurde es ein Aufnahmelager für Aussiedler, später für Asylbewerber.

Premiere am 19. Juni

„Blankenburg“ wird am Donnerstag, 19. Juni, um 20 Uhr im Probenzentrum des Oldenburgischen Staatstheaters uraufgeführt.

Das Stück ist eine Koproduktion der Göttinger „Werkgruppe 2“. Regie führt Julia Roesler.

Karten: Telefon   0441/2225111

    www.staats­theater.de

Heute steht der Komplex leer und wurde an einen Oldenburger Immobilienunternehmer verkauft, der – ebenso wie der vorherige Eigentümer, die TAG Gewerbe-Immobilien GmbH in Hamburg – den Plänen des Staatstheaters, das Stück in Blankenburg aufzuführen, eine Absage erteilte. Alle Versuche, sich doch noch zu einigen, schlugen fehl. Zuletzt erhielt das Theater das Angebot, selbst das ganze Gelände für eine Million Euro zu erwerben, wie Intendant Markus Müller auf der Pressekonferenz am Dienstag als Anekdote am Rande erzählte.

Aufführungsort ist nun die Probebühne 4, die 80 bis 100 Zuschauern Platz bietet. Und zwar überall im Raum. Setzen kann sich der Zuschauer, wohin er mag: etwa auf einen der Rollstühle unterschiedlichster Entstehungszeit, auf die Etagenbetten oder auf die ältliche Hollywood-Schaukel, immer mitten zwischen den sechs Schauspielern, die Pfleger, Patienten, Ärzte und Flüchtlinge verkörpern. Ein 25-minütiges Hörspiel erzählt die Vorgeschichte des Ortes.

Eike Jon Ahrens spielt einen Reformarzt, der auf der Pressekonferenz von seinen Schwierigkeiten erzählt: „Ich kann das nicht nachvollziehen“, sagt er und meint die Nachsicht, die der ehemalige Pfleger Ingo Körber gegenüber seinen früheren Kollegen zeigt. Ehrlich, aber behutsam schildert er den Alltag und die aus heutiger Sicht unhaltbaren Zustände der psychiatrischen Anstalt Blankenburg.

Als junger Pfleger Anfang 20 war er von 1981 an daran beteiligt, die Institution aufzulösen. Eine Institution mit geschlossenen Stationen, wo es zweimal in der Woche von Pflegern verordnete „Abführtage“ für die Patienten gab oder „Dusch-Tage“, bei denen nicht selten mit dem Stock der Reinlichkeit nachgeholfen wurde. Das seien andere Zeiten gewesen, sagt Körber, der „nicht die Traute hatte“, sich gegen das System zu wehren. Heute hilft er, eine lange vergrabene Geschichte ans Licht zu holen.


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Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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