OLDENBURG „Dringend“, „Brennt“, „Hat noch Zeit, sollte aber nicht. . .“ – die Papierstapel auf dem Fußboden sind nach Bedürftigkeit unterteilt und doch nur hilfloser Ausdruck einer nicht enden wollenden Überforderung. Die drei Sozialarbeiterinnen vom Jugendamt, das ein Boxring ist, kämpfen einen aussichtslosen Kampf, suchen zu verhindern, dass passiert, wovon täglich die Zeitungen berichten: Vernachlässigung, Verwahrlosung, Kindesmisshandlung mit Todesfolge.

In den Medien präsent

Das Thema ist nicht nur dauerhaft in den Medien präsent, es beherrscht auch die Theaterbühnen. Nachdem gerade im Bremer Schauspielhaus „Das stille Kind“ von Martin Crimp Premiere gefeiert hatte, kam nun das Oldenburgische Staatstheater mit dem Stück „Kaspar Häuser Meer“ von Felicia Zeller heraus, das sich eigentlich direkt auf den Fall „Kevin“ beziehen sollte – in Bremen war 2006 ein zweijähriger Junge tot im Kühlschrank seines Ziehvaters aufgefunden worden, obwohl die Familie doch seit Jahren unter der Beobachtung des Jugendamtes stand. Die Anklage des vermeintlich unfähigen Beamtenapparates lag nahe.

So leicht hat es sich die Berliner Dramatikerin bei der Umsetzung der heiklen Aufgabe, die ihr das Theater Freiburg gestellt hatte, jedoch nicht gemacht. Sie entschied sich sowohl gegen die Beamtenschelte als auch gegen die Sozialschnulze, vermied platte Betroffenheitsdialoge ebenso wie wohlfeile Schuldzuweisungen. Das Besondere daran: Nicht aus der Sicht der Opfer oder Täter wird die bitterböse Farce erzählt, sondern aus der Perspektive der Betreuer, der ohnmächtigen Verwalterinnen des Elends.

Hoffnungslos überarbeitet

Und die rotieren schon zu Beginn im Boxring, der als Bühne in der Exerzierhalle dient, und hängen nach fast zwei Stunden Spielzeit vollends in den Seilen. Barbara, Silvia und Anika ist das „Panik-P“ ins Gesicht geschrieben, sie sind hoffnungslos überarbeitet, jagen ständig der Zeit hinterher in dem Bemühen zu helfen und zu schützen und in dem Wissen, dass das Scheitern ein auszuhaltender Teil ihrer Arbeit ist. Kollege Björn ist schon durchgedreht, nun müssen seine 104 „Kaspar-Hauser-Fälle“ auch noch bearbeitet werden, und Chef Schnecke-Müller ist, wie sein Name schon sagt, ebenfalls keine Hilfe.

Zeller lässt die drei Frauen, die obendrein ihre privaten Probleme mit sich herumschleppen, auch im Sprechen scheitern. Das Chaos manifestiert sich in den rhythmisierten Dialogen, in denen sich ein unvollendeter Satz auf den nächsten stapelt oder in Endlosschleifen wiederholt, hier und da aber auch eine gallige Komik aufblitzt. Regisseurin Christiane Goulard verstärkt die Sprechgeschwindigkeit durch das hohe Tempo ihrer Inszenierung, die auf der abgegrenzten Spielfläche dem Chaos mit formaler Strenge Grenzen setzt.

Eindrucksvolles Scheitern

Im Viereck des Boxrings lässt sie Patrizia Wapinska, Stephanie Baak und Rika Weniger – ein grandios, konzentriert und eindrucksvoll scheiterndes Terzett – aufeinander los. Ihr Körpereinsatz, der von den Gummi-Seilen ausgebremst wird, spiegelt die zunächst unterdrückte, dann aber immer stärker ausbrechende Verzweiflung. Dabei fallen Sätze, die unter die Haut gehen: „Ich habe das Kind lange nicht mehr im Ganzen gesehen.“

Die Opfer aber finden sich auch im Jugendamt.

Karten: 0441/22 25 111

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Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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