OLDENBURG Man sucht ihn. Aber auf Planwagen, den viele bis heute mit „Mutter Courage“ und besonders mit Helene Weigel verbinden, die den Karren einst im Berliner Ensemble zog, wird in Oldenburg verzichtet.

Zumindest gibt es auf der Bühne im Großen Haus einen Einkaufswagen aus dem Supermarkt, in dem Waren und Tote landen, doch es exisitert eben kein typischer Planwagen, wie man ihn von typischen Brecht-Aufführungen kennt. Aber diese Aufführung will ja auch nicht typisch sein.

An der Rampe steht vorn ein Mikro. Zuweilen scheint es das wichtigste Utensil der Aufführung. Wenn dann Lieder gesungen werden, tritt eine militärisch gekleidete Dreimann-Band rechts im Fliesenkeller in Erscheinung. Satt ist der Sound, indes heftig modernisiert die Musik von Paul Dessau.

Wahrscheinlich, weil die Drehbühne des Hauses derzeit Probleme bereitet, vielleicht, weil es die Intensität des Dramas steigert, spielen alle Szenen der „Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg“ in den zweidreiviertel Stunden in einem riesigen Raum. Der könnte eine schäbige Fabrikhalle in Stalingrad sein oder ein verlassener Industriesaal im Jugoslawienkrieg, über den schon mal akustisch ein Hubschrauber oder Jet donnern. Alles ist schmuddelig und vollgerümpelt. Gaby Pochert gelingt es in dieser Bruchbude, eine Mutter zu spielen, die keine Mutterliebe empfindet. Sie reduziert die robuste Dame auf das reine Geschäft. Und das Geschäft ist der Krieg.

Mutter Courage verliert zwei Söhne, weil sie nur ans Geschäft denkt. Als ihre Tochter verunstaltet und voll mit Theaterblut reintorkelt, fällt sie nur kurz aus ihrem Verhalten. Gleich stapelt sie wieder ruhig Waren. Die Frau lässt sich den Krieg nicht madig machen. Cool guckt Gaby Pochert ins Publikum. Und das ist ein Blick zurück: Die Dame lernt nichts dazu.

Woran sie glaubt? An Geld. Gegenwärtig nicht tröstlich.

Regisseur Malte Kreutzfeldt lässt es nach der Pause ruhiger, zuweilen vorhersehbar und länglich werden, die Bühne wirkt aufgeräumter, das Licht fast romantisch. Nur Mutter Courage bleibt unemotional. Das Ensemble drum herum agiert gut verständlich und firlefanzfrei: Rika Weniger als stumme, lallende, schluchzende Tochter, Klaas Schramm und Sascha Grüb als bald dahingeraffte Söhne und – um nur wenige hervorzuheben – Norbert Wendel als kerniger Kommiskopp, Thomas Lichtenstein als Seelsorger, der sich besonders um sich sorgt, Eva-Maria Pichler als stöckelnde Hure, bei der einem einfällt, dass Frauen angeblich zwei Jahre ihres Lebens vorm Spiegel verbringen.

Das Stück will nicht mehr die Schrecklichkeit von Krieg erklären. Es zeigt vielmehr, dass der Mensch nichts lernt – auch nicht ganz neu, aber immer gut zu wissen.

Diese „Mutter Courage“ ist kein Brechtmuseum. Es ist ein moderne Inszenierung fast jenseits des epischen Theaters und wie viele Aufführungen des Staatstheaters gut ausgerichtet auf gymnasiale Oberstufen. Also eine solide Sache. Oder, um im Thema zu bleiben, ein gutes Geschäft.

Karten: 0441/22 25 111

Alle NWZ-Theaterkritiken unter: www.NWZonline.de/theater

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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