OLDENBURG Ganz normal verhalten? Wie denn normal? Gib’ doch mal konkrete Anweisungen! Die renitenten Spieler wollen es schon genau wissen. Der unsichtbare Streit zwischen ihnen und dem „Regis­trator“, der gleich zu Beginn hinter der Bühne entbrennt, ist symptomatisch für diesen Theaterabend. Denn was hier eigentlich wie, warum und von wem verhandelt wird, bleibt dem Zuschauer lange Zeit rätselhaft. Schließlich mündet das verwirrende, zunehmend überdrehte Spiel nach knapp zwei Stunden in einen abrupten, aber konsequenten Schluss. Max Frisch sei Dank.

Dieselben Fehler

Ist die eigene Biografie nur ein Ausdruck von Zwanghaftigkeit oder hätte jeder die Möglichkeit, an seinem Lebensentwurf etwas zu ändern? Für Max Frisch ist diese Frage nicht bloß eine rhetorische, in seinem Stück „Biografie: ein Spiel“ wendet er sie am konkreten Bespiel von Herrn Kürmann an. Der möchte seine Beziehung zu Antoinette rückgängig machen, mit der er nach der ersten Begegnung auf einer Party sieben Jahre verheiratet war.

Darüber wird der Zuschauer zwischen Klamauk, Musik, sich wiederholenden Videoeinspielungen von einer Party im Retro-Stil der 60er, ohne ersichtlichen Grund herumfliegenden Langhaarperücken und dem kurzzeitigen Einsatz riesiger Gummi-Penisse aufgeklärt. Der „Registrator“ ist dem Professor für Verhaltensforschung bei der Änderung seines Lebens im Rückwärtsgang behilflich. Doch dieser tappt in immer die gleichen Fallen. Zwanghaft erscheint nur, dass man immer dieselben Fehler macht. Es kommt, wie es kommen muss, ändern lässt es sich ohnehin nicht. Oder etwa doch? Antoinette macht es vor und lässt Kürmann einfach allein im Dunkeln sitzen.

Wäre schön gewesen, Regisseur Marlon Metzen, der die Komödie für das Kleine Haus des Oldenburgischen Staatstheaters in Szene setzte, hätte ähnlich zielstrebig gehandelt. So aber erweckt er den Eindruck, er hätte sich vor lauter Ideen nicht entscheiden können und hat dafür jede einzelne ausgewalzt.

Die Zuschauer sitzen auf und vor der Bühne oder neben einer großen Rampe, die den Zuschauerraum zusätzlich teilt (Ausstattung: Franziska Rast). Maskenbildner, Requisiteure und Assistenten arbeiten auf der Bühne und durchbrechen die Theaterillusion. Schließlich ist alles nur ein Spiel, bei dem die Mittel auf Effekte angelegt sind: So erscheinen Kürmann, Antoinette und „Registrator“ zunächst als überdimensionierte Puppen verkleidet, bei denen die Riesenhände an Stäben befestigt und zu keiner feinen Geste fähig sind. Haben sich endlich alle komischen Momente erledigt, sind auch die Kostüme überflüssig.

Vier Darsteller in 18 Rollen

Dutzende von Rollen hatte Max Frisch seinerzeit vorgesehen: Metzen reduziert sie auf 18, die Darsteller auf vier, und lässt Schauplätze auf das Nötigste zusammenschnurren. Ein Kammerspiel also, das atemlos daherkommt und dem es nicht an guten Darstellern fehlt. Denis Larisch spielt Kürmann in seinem biografischen Schlamassel als unentschiedenen, larmoyanten Tropf, Rika Weniger als Antoinette (und in allen anderen weiblichen Rollen) gelingen auch im dicksten Zigarettenqualm noch klare Konturen, Bernhard Hackmann zieht als strenger „Registrator“ alle Fäden, und Sebastian Brandes füllt im aberwitzigen Tempo die restlichen Rollen.

Bei Max Frisch hätte Regisseur Metzen eine zweite Chance bekommen.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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