OLDENBURG Da liegt London, kriegswund im Dunkeln. Schwarz sind die Mauern der Häuser, grau die Gesichter der Menschen, braun ist der Terror der Nazis. Aber unten im U-Bahn-Schacht, wo Vera vom „Blue Tahitian Moon“ singt, gibt es Licht: Rot leuchten ihre Lippen, grün und blau strahlt die kleine Bühne.

Draußen ist Krieg, ockergelb schlagen Bomben ein – aber man kann doch tanzen! Man kann singen, man kann trinken, man kann Sex haben, so wie damals am Strand. Das ist zehn Jahre her, aber jetzt steht er plötzlich wieder vor Vera, der Dichter Dylan Thomas: „Silber ist etwas für Einsame“, sagt er und greift nach Veras Kette, „wo ist der Mann, der dir Gold schenkt?“

„Edge Of Love – Was von der Liebe bleibt“ erzählt eine fast wahre Geschichte, die etwas umständlich ist für einen Film von 110 Minuten Länge. Dylan Thomas (Matthew Rhys), der mit Caitlin (Sienna Miller) verheirat ist, trifft nämlich seine Jugendliebe Vera (Keira Knightley) wieder, die sich sehr mit Caitlin anfreundet, und weil eine Menage à trois schon 1941 nichts Besonders mehr war, macht Soldat William (Cillian Murphy) Vera einen Heiratsantrag. „Was haben Sie gegen mich, Vera Phillips?“, möchte er wissen. „Sie könnten morgen bereits tot sein“, antwortet sie. „Lebe so lange und so intensiv, wie du kannst“, sagt er. Die beiden heiraten dann doch, aber meistens lebt man sowieso zu viert.

Zum Glück kann man sich vor dem Krieg verstecken, wahlweise in der Liebe oder im Zynismus. Letzterer ist der Zufluchtsbereich von Dylan Thomas, der sich mit 39 Jahren schließlich zu Tode soff, aber jetzt erst einmal Propaganda-Texte für das britische Kriegsministerium dichten soll. „Laufen Sie nicht weg, Dylan!“, brüllt der Minister, aber da ist der Dichter schon wieder bei Vera oder bei Caitlin oder in der Kneipe.

Großartig sind die Schauspielerinnen, Keira Knightley und Sienna Miller, weniger großartig ist der Schauspieler Matthew Rhys, der das Geheimnis von Thomas’ Erfolg bei Frauen für sich behält. Regisseur John Maybury präsentiert derweil sein neues digitales Schneidepult: Schwarzweiß ist der Krieg, sepia die Vergangenheit, und bei den Sex-Szenen drehen sich die Bilder, sie stapeln sich übereinander, verschwimmen ineinander wie beim nächtlichen Erotikkino auf Kabel 1. Künstlich wirkt diese Bildsprache, künstlich wie das Leben der Boheme in Kriegszeiten nun einmal ist.

Künstlich wirkt leider auch das Drehbuch von Sharman MacDonald, das wie eine Aphorismen-Sammlung daherkommt: Es gibt kein Reden und kein Sprechen in „Edge Of Love“, es wird zitiert. Es sind schöne Zitate, die oft von Dylan Thomas stammen, aber nicht immer. „Die erste große Liebe, das ist ja ganz schön“, sagt etwa Soldat William, „aber mir geht’s um die letzte.“ Seufz.

Es kommt zu einer Schießerei und einer Gerichtsverhandlung, und später stehen Vera und Dylan im schmutzgrauen Regen, symbolschwer vor gusseisernen Gitterstäben. „Alles, was du im Kopf hast sind, Geschichten, Worte. Aber was ich will, ist die Wirklichkeit“, sagt Vera. Die Kamera fährt zurück, die Gitterstäbe gehören zu einem gusseisernen Tor, das einen Spalt weit aufsteht. Wer will, kann jetzt gehen.

Infos: www.neuevisionen.de

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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