Bonn Es ist das Jahr vor der großen Katastrophe: 1913 sorgen in Wien Konzerte Arnold Schönbergs für Tumulte, in Paris verursacht Igor Strawinskys Ballett „Le sacre du Printemps“ einen Skandal, in Köln und Berlin erregen expressionistische Künstler mit der Sonderbund-Ausstellung und dem Herbstsalon Aufsehen. Dazwischen reiht sich das kleine, beschauliche Bonn mit der „Ausstellung Rheinischer Expressionisten“ ein.

Moderne vorangetrieben

„Für einen kurzen Moment erschien Bonn damit auf der Landkarte der europäischen Moderne“, sagt der Leiter des Kunstmuseums Bonn, Stephan Berg. Sein Haus würdigt das Ereignis 100 Jahre später mit einer Jubiläumsschau unter dem Titel „Ein Expressionistischer Sommer – Bonn 1913“. Im Zentrum: Der Bonner Maler August Macke (1887–1914), der die 14 Künstler und zwei Künstlerinnen zusammengebracht hatte, darunter Max Ernst, Heinrich Campendonk, Hans Thuar und Paul Adolf Seehaus.

Macke sei nicht nur ein bedeutender Maler gewesen, sagt Kuratorin Irene Kleinschmidt-Altpeter, sondern auch ein Promoter, der die Moderne aktiv vorangetrieben habe. Mit der Erfindung des Begriffs „Rheinische Expressionisten“ habe Macke perfektes „Branding“ betrieben, also eine Marke geschaffen.

Mackes Wohn- und Atelierhaus in Bonn war seit 1911 Treffpunkt der rheinischen Kunstszene. Er selbst war auch über Bonn hinaus gut vernetzt, stellte in Köln, München, Berlin und Moskau aus.

Welche Werke vor 100 Jahren im Bonner Kunstsalon Cohen gezeigt wurden, weiß heute niemand mehr so genau. Einen Katalog gab es nicht. Nur bei zwei Bildern ist sich Kuratorin Kleinschmidt-Altpeter sicher: Die Gemälde „Gefällter Baum“ von Hans Thuar und Mackes „Kinder am Wasser“ waren dabei. Die Ausstellung vermittelt dennoch einen umfassenden Eindruck von dieser kurzen, intensiven Phase vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, indem fast ausschließlich Werke aus den Jahren 1912 und 1913 gezeigt werden.

Mackes Rolle als „Promoter“ wird auch in der Ausstellung deutlich, in der seine Werke an verschiedenen Stellen immer wieder auftauchen, so etwa seine „Kinder im Garten“ oder „Helle Frauen vor Hutladen“, die Einflüsse des Kubismus erkennen lassen.

Kriegsausbruch

Eine gemeinsame Linie zeigt sich in der Darstellung einer Natur, in die der Mensch immer stärker eingreift. So etwa Hans Thuars „Rheinische Landschaft“: Goldgelbe Felder werden von einer Industrielandschaft mit rauchenden Schornsteinen überschattet. Carlo Menses „Rheinlandschaft“ besteht aus dürren Bäumen und qualmenden Fabriken.

Trotz ähnlicher Motive sind die unterschiedlichen Stile der Künstler unverkennbar. Zu sehen sind etwa Campendonks streng geometrisch konstruierte Gemälde neben Franz M. Jansens wogendem Pinselstrich. Daneben findet sich Max Ernst, dessen „Kreuzigung“ bereits surrealistische Züge zeigt.

Der Erste Weltkrieg zersprengte die von Macke geschaffene Kunstszene in Bonn. Nur ein Jahr nach der Ausstellung musste er einrücken. Ende September 1914 fiel er in Frankreich.

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