Athen Mit einer sich radikal verändernden Welt, mit Leid und Krisen befasst sich in den kommenden fünf Monaten die wichtigste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Die documenta 14 entfernt sich dabei zunächst vom traditionellen Standort Kassel und eröffnet am Wochenende in Athen. Unter dem Titel „Von Athen lernen“ präsentieren rund 150 internationale Künstler an mehr als 50 Standorten der griechischen Hauptstadt ihre Werke: Konzerte, Toninstallationen, Gemälde, Videos, Fotos oder Performance-Darstellungen. Ab dem 10. Juni ist die Schau dann auch in Kassel rund um das Museum Friedericianum zu sehen.

Schwerpunkte sind in Athen die Flüchtlingsströme, soziale Proteste, Extremismus und der Gegensatz von Nord- und Südeuropa. Die Künstler verarbeiten in ihren Werken auch die Umbrüche, die es in der dreijährigen Vorbereitungszeit gegeben hat: Die Massenflucht von Menschen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan nach Europa, den Brexit, den Rechtsruck im Westen und nicht zuletzt die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten.

Es gebe bei der Schau nicht einen, sondern „viele rote Fäden“, sagten Künstler am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Athen. Der künstlerische Leiter der Weltausstellung, Adam Szymczyk, riet: „Die beste Methode für den Start ist, alles zu vergessen, was man bislang zu wissen meint.“

Ein Kunstprojekt des Schotten Ross Birell, das sich mit den europäischen Grenzen befasst, beginnt am Sonntagmittag. Es besteht aus einem 100 Tage dauernden Wanderritt von Athen nach Kassel - und führt über eine 3.000 Kilometer lange „Landstreicher-Route“ durch Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich nach Deutschland. Vier Reiter reisen wie in alten Zeiten auf historischen Post- und Handelsrouten und überqueren dabei die heutigen nationalen Grenzen – und Migrationswege.

Der US-amerikanische Künstler William Pope.L verarbeitet mit Toninstallationen unter dem Titel „Flüsterpropaganda“ die derzeit medial kursierenden Halbwahrheiten, Fake-News sowie eine Dämonisierung von Migranten: Sein Projekt umfasst 9.000 Stunden geflüsterte Informationen.

Am Hafen von Piräus, wo im Frühjahr 2016 Tausende Flüchtlinge das griechische Festland erreichten, gibt der griechisch-afrikanische Rapper Negros Tou Moria ein Konzert und erinnert dabei auch daran, dass genau an dem Ort 1922 osmanische Griechen kampiert hatten, nachdem sie aus Kleinasien geflüchtet waren. Sie prägten damals den Rembetiko, den griechischen Blues, die Musik der Gestrandeten.

Einer der Hauptorte der documenta in Athen ist das Museum für zeitgenössische Kunst (EMST). Athens Bürgermeister Giorgos Kaminis bezeichnete die bevorstehende Eröffnung der documenta 14 als „historischen Moment“. Athen werde dadurch ein Brennpunkt des internationalen kulturellen Interesses und künstlerischer Aktivität, erklärte er.

Der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD), der auch Vorsitzender des Aufsichtsrats der documenta ist, trat Befürchtungen entgegen, die Kasseler Institution documenta könnte durch den zweiten Ausstellungsstandort Athen Schaden nehmen. „Wir gehen davon aus, dass das Profil der documenta in ihrer nunmehr vierzehnten Auflage durch die beiden so unterschiedlichen Städte und die Thematisierung weltweit wirkender Konflikte eher gestärkt als geschwächt wird.“

Zur documenta 14 gehört auch das Filmprogramm Keimena (Texte), das schon seit Dezember montags gegen Mitternacht im öffentlichen griechischen Sender ERT gezeigt wird. Der Sender war während der Griechenlandkrise im Juni 2013 von der Regierung aus Spargründen und wegen Korruptionsvorwürfen vom Netz genommen worden. Der Moment, an dem die Bildschirme im Land buchstäblich schwarz wurden, ging auch unter dem Begriff „mavros“ (griechisch: „schwarz“) ins kollektive Gedächtnis ein.

Das Goethe-Institut begleitet die Ausstellung in Athen mit dem dem Programm „apropos documenta“. Dem griechischen Publikum soll das Kunstereignis mit Filmvorführungen, Gesprächen und Konzerten näher gebracht werden, wie das Kulturinstitut am Donnerstag mitteilte.

Die documenta wurde 1955 ins Leben gerufen, als der Kasseler Maler und Gestalter Arnold Bode (1900-1977) im Museum Fridericianum eine umfassende Übersichtsausstellung zur europäischen Kunst des 20. Jahrhunderts organisierte. Sie trug unter anderem zur Rehabilitation der zuvor als entartet diffamierten Künstler und die Wiedereingliederung Deutschlands in die Reihe der Kulturnationen bei. Zur documenta 13 im Jahr 2012 kamen mehr als 900.000 Menschen aus aller Welt nach Kassel.

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