Moskau Gespannt blickt Russlands Kulturelite zum berühmten Bolschoi Theater in Moskau. Der 54-jährige Machar Wasijew führt von diesem Freitag (18. März) an die weltgrößte Balletttruppe mit mehr als 200 Tänzern im legendären Musentempel. Dafür verlässt der frühere Startänzer nach sieben erfolgreichen Jahren die Mailänder Scala.

Machtkämpfe hatten das Bolschoi in den vergangenen Jahren immer wieder in Verruf gebracht. Zuletzt war das Nationalheiligtum rund zehn Gehminuten vom Kreml aber aus den Negativschlagzeilen verschwunden. Der Übergang im Amt des Ballettchefs sei reibungslos verlaufen, sagt Bolschoi-Direktor Wladimir Urin. Von Wasijew erwartet die Theaterleitung neue Impulse für das verwöhnte Moskauer Publikum.

„Wir wollen eine lebendige Zusammenarbeit“, betont Urin. Wasijew habe sich durch sein Wirken in Mailand einen Namen gemacht. Auch in Moskau ist der Neue kein Unbekannter. Wasijew hat mehrfach am Bolschoi gastiert. Die Truppe des Hauses sei vom Künstler durchaus beeindruckt gewesen, erzählt Urin. „Es war nicht die Frage, ob wir ihn wieder einladen, sondern nur wann.“ Jetzt wolle das Bolschoi ihn ganz haben.

Die Bewerberliste für die renommierte Stelle war lang. Doch Wasijew hat alle Konkurrenten ausgestochen. Er will auf der wichtigsten Bühne des Landes „Produktionen zeigen, die der Geschichte des Hauses würdig sind“. Der Säulenbau hat eine lange Tradition: Als Gründungsstunde des Bolschoi gilt März 1776. Damit ist der Schauplatz großer Kunst sogar einige Monate älter als die Vereinigten Staaten von Amerika.

Wasijew stammt aus der russischen Teilrepublik Nordossetien - wie der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, Waleri Gergijew. Einst arbeiteten beide gemeinsam in St. Petersburg, bis Wasijew 2008 nach 13 Jahren am geschichtsträchtigen Mariinski-Theater überraschend nach Mailand wechselte. Berichte über Differenzen mit Gergijew halten sich hartnäckig. In St. Petersburg bildete Wasijew unter anderem die Weltklasse-Tänzerin Swetlana Sacharowa aus. Nun ereilt ihn der Ruf des Bolschoi. „Es gab schon zuvor Angebote aus Moskau, aber erst jetzt passt alles“, sagt der am 16. Juni 1961 geborene Künstler.

Wasijew tritt in Moskau die Nachfolge von Sergej Filin an - ein schweres Erbe. Filin prägte in fünf Amtsjahren das Programm des Bolschoi auch mit bejubelten Werken ausländischer Choreographen wie John Neumeier vom Hamburg Ballett oder Reid Anderson vom Stuttgarter Staatsballett. Urin hat Filins Vertrag trotzdem nicht verlängert - Medien zufolge will der Direktor einen Neuanfang. Grund ist demnach auch einer der größten Skandale in der Geschichte des Hauses.

Filin war im Januar 2013 vor seiner Wohnung in Moskau mit Säure angegriffen und schwer im Gesicht verletzt worden. Teile seiner Kopfhaut waren verätzt, besonders schlimm traf es die Pupillen. Mit dem rechten Auge könne er fast nichts mehr erkennen, sagt der 45-Jährige, links sehe er noch zu etwa 50 Prozent. Dass er nicht völlig erblindete, verdankt Filin wohl auch dem Universitätsklinikum Aachen. Spezialisten operierten ihn dort bereits mehr als 30 Mal.

Die Attacke sorgte international für Empörung und enthüllte zahlreiche Intrigen im Bolschoi. Wegen des Anschlags wurden drei Männer zu Gefängnisstrafen verurteilt, darunter der Startänzer Pawel Dmitritschenko. Er soll wütend auf Filin gewesen sei, weil der Ballettchef ihm und seiner Freundin nicht die besten Rollen gegeben habe - etwa in Peter Tschaikowskis „Schwanensee“.

Filin war das Opfer des Anschlags, aber für viele im Bolschoi ist er eine Reizfigur - das weiß Urin. Der bisherige Ballettchef räumt daher seinen Posten und bildet am größten Staatstheater des Landes mit rund 2500 Mitarbeitern künftig Talente aus. Filin soll junge russische Choreographen zu modernen Werken ermutigen, wie sie im Bolschoi bisher vor allem von Ausländern zu sehen sind. „Wir brauchen das klassische Repertoire, aber es ist kein Zufall, dass wir immer wieder auch Reformer zu Gastspielen einladen“, betont der Direktor.

Russlands Theaterliebhaber verfolgen Personalentscheidungen im Bolschoi fast so intensiv wie die Wahl eines Patriarchen der orthodoxen Kirche. Sie wünschen sich, dass in das Haus, das zwischen 2005 und 2011 für schätzungsweise eine Milliarde Euro auch von deutschen Firmen renoviert wurde, wieder mehr Normalität einkehrt.

Das Bolschoi Theater („Großes Theater“) habe Zaren und Weltkriege überstanden, da könne ihm auch die Neuzeit nichts anhaben, schrieb die Zeitung „Iswestija“ unlängst. Ballett sei offenbar das Schicksal des Riesenreichs: „Italiener müssen singen, Russen müssen tanzen.“

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