Oldenburg /Esterwegen Die Aufgabe wird kaum zu lösen sein – die Löcher des Vergessens zu füllen. Genau dieser Aufgabe aber stellt sich die schwedische Autorin Rose Lagercrantz, zu Gast bei der Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse (Kibum), schon ihr Leben lang. Sie hört nicht auf zu fragen, zu forschen und zu erzählen. Und so besuchte sie am Donnerstag auf den Spuren ihres Vater Georg die Gedenkstätte Esterwegen. Dort war er interniert, zur selben Zeit wie Carl von Ossietzky (1889– 1938).

„Das ist wirklich ein Denkmal“, sagte die 69-Jährige nach dem Besuch in Esterwegen, der sie gar nicht so sehr bedrückt hat. Eine Gedenkstätte in einer „schönen Gegend“. Die Häftlinge hätten an eine bessere Politik geglaubt, „sie hatten noch Hoffnung“. Der Besuch in Theresienstadt dagegen war anders, sagt sie leise, „danach war in meinem Inneren alles schwarz“.

Rose Lagercrantz wurde 1947 in Stockholm geboren. Ihre Mutter Ella aus dem rumänischen Sighet hatte die Gaskammern von Auschwitz überlebt, der deutsche Jude Georg gegen Hitler gekämpft. „Er hat sich schon immer gern geprügelt“, erzählt sie in ihrem Buch „Wenn es einen noch gibt.“

Und kaum war Hitler an die Macht gekommen, als die Polizei ihn auch schon abholte, erst kam er ins Konzentrationslager Sonnenburg, wo er bereits den Herausgeber der legendären „Weltbühne“ und späteren Friedensnobelpreisträger Ossietzky traf, dann kamen beide nach Esterwegen. Im Lager, in dem die Insassen unter grauenhaften Bedingungen lebten und schufteten, versuchte er immer, Carl zu schützen und zu decken, wie es in dem Jugendbuch „Das Mädchen, das nicht küssen wollte“ von Rose Lagercrantz heißt, damit er die Misshandlungen überstand.

Der Vater von Rose Lagercrantz kam frei, verlebte zwei gute Jahre in Prag und traf 1938 das jüdische Mädchen Annie, seine große Liebe. Als Deutscher musste er fliehen und versteckte sich in Polen, wohin ihm seine Verlobte Annie, die ihm nicht folgen konnte, einen Pass und eine gefälschte Einladung nach Schweden schickte. So hat er überlebt, Annie aber wurde deportiert und starb.

„Das Wort Antisemitismus wurde in meiner Familie nie ausgesprochen“, erzählt die Autorin. „Meine Eltern wollten leben wie gewöhnliche Leute nach dem Krieg.“ Als Erwachsene jedoch durchbrach Rose Lagercrantz das Schweigen und machte sich auf „Familienreisen“, um zu forschen und aufzuschreiben, was sie ihren jüdischen Verwandten entlocken konnte. 16 Porträts enthält ihr Buch „Wenn es einen noch gibt“, das Requiem für eine entschwundenen Familie.

Ob sie weiter forschen wird? Sie habe noch zwei Plastiktüten mit Briefen von Annie an ihren Vater, erzählt sie, ohne sich festzulegen. Wunderbare Briefe einer großen Liebe, die ihre Mutter Ella aufgehoben habe. Ohne davon zu erzählen.

Lesung in Oldenburger Synagoge

Die Kinderbücher von Rose Lagercrantz wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Das Buch „Wenn es einen noch gibt. Ein Familienporträt“, erschienen im Persona Verlag (Mannheim, 176 Seiten, 17,50 Euro), ist eher für Erwachsene gedacht.

An diesem Sonntag liest die 69-Jährige um 11.15 Uhr in der Oldenburger Synagoge aus ihrem Buch. Anmeldungen erbeten unter info@juedischegemeinde-zu-oldenburg. Der Eintritt ist frei. Die Kibum im PFL dauert bis zum 15. November.

Lesung in Oldenburger Synagoge

Die Kinderbücher von Rose Lagercrantz wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Das Buch „Wenn es einen noch gibt. Ein Familienporträt“, erschienen im Persona Verlag (Mannheim, 176 Seiten, 17,50 Euro), ist eher für Erwachsene gedacht.

An diesem Sonntag liest die 69-Jährige um 11.15 Uhr in der Oldenburger Synagoge aus ihrem Buch. Anmeldungen erbeten unter info@juedischegemeinde-zu-oldenburg. Der Eintritt ist frei. Die Kibum im PFL dauert bis zum 15. November.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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