BREMEN Ein Dichter dreht durch. Zu einem tragikomischen Ein-Mann-Abend macht die Bremer Shakespeare Company jetzt Georg Büchners „Lenz“. Nur 75 Minuten dauert die witzige und originelle Inszenierung, die mal als Posse, mal als konzentriertes Schauspielertheater herüberkommt.

Und so konnte die Premiere am Bremer Leibnizplatz gar nichts anderes werden als ein Fest für die kleine Form. Und ein Parcour-Ritt für den Schauspieler Michael Meyer. Vergnüglich lebt dieser die Höhen (selten) und Tiefen (zahlreicher und lustiger!) eines Künstlerdramas aus.

Von Goethe verachtet

Es geht um Jakob Reinhold Lenz, jenen Dichter des Sturm und Drangs, dem ein Karriereknick durch ungebührliches Benehmen am Hof nachgesagt wird. Die anschließende Verachtung vom Dichterfürsten Goethe habe ihn vollends in die Schizophrenie getrieben. Lenz fährt zur Kur, vergeblich.

Ein gewisser Pfarrer Oberlin, bei dem Heilung in der Abgeschiedenheit eines Bergdorfes anprobiert wird, erstattet dazu einen erschütternden Bericht. Diesen wiederum verarbeitet einige Jahre später (1836) Georg Büchner zu der bekannten Erzählung. So ist also zunächst jede Menge Leiden angesagt. Die Bühne: in mondänes Dunkel getaucht. Klavierkonzert, schattiges Ambiente. Lenz am Boden, halb nackt. Der Dichter wühlt in Textseiten. Und er drückt sie wie eine Mutter ihr Kind an die Brust.

So fiebert er vor sich hin, gepeinigt von nervlicher Überaktivität. Und zur Verschlimmerung stürzt auch noch Trash-Rock-Lärm auf ihn ein! Diesen lässt Regisseur Frank Auerbach recht lange und laut einspielen. Einerseits, um dem Hirngetöse zusätzlichen Leidensdruck zu verschaffen, andererseits um die Kraft der dann einsetzenden Stille zu nutzen.

Denn Meyer spielt leise und herrlich klar bei all den Etappen des Wahnsinns, die sein Lenz durchwandert. Kurz danach knallt’s aber auch wieder.

Lächerlicher Geltungstrieb

Besonders schön: wie er sich in den Rausch von religiösem Eifer hineinsteigert. Da schreit er auf einem kleinen Tisch stehend und klammert sich an die halbdebile Vorfreude auf eine Predigt. Ein Strohhalm für den geistig Ertrinkenden. Meyer hat Witterung für das Komische im Pathetischen, für das Lächerliche im krank gewordenen Geltungstrieb.

Die Spielfassung wird übrigens noch mit feurigen Bekenntnissen aus Büchners Briefen ergänzt. Möglichst viel Leben forderte dieser da insbesondere für die darstellende Kunst. Die Bremer Shakespeare Company folgt dem Aufruf ohne zu zögern.

Karten: 0421/50 03 33

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