DANGAST Was für ein Unterschied zum lauten Großstadtleben: Diese Ruhe, diese Natur, aber vor allem diese Stimmungen am Meer fand Erich Heckel (1883–1970) „ganz kolossal fein“. Bloß der Wind, der ihm und seinem Malerkollegen Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) in Dangastermoor ständig um die Nase wehte, fiel ihnen ziemlich auf die Nerven.

Doch blies er glücklicherweise nicht stark genug, um sie fernzuhalten. Zwischen 1907 und 1912 schlugen die beiden „Brücke“-Maler ihr Sommerdomizil an der Nordsee auf, wo sich der entscheidende Stilwandel in ihrer Arbeit vollzog. Anlass genug für die Franz-Radziwill-Gesellschaft, das Jubiläum mit ihrer Herbstausstellung zu würdigen – mit 54 Arbeiten, darunter drei Ölgemälden, Grafiken und „kleinen Kostbarkeiten“, wie sie Kuratorin Petra Kemmler nennt. Gemeint sind die bemalten Postkarten der Künstler, die zum Teil an Radiziwill adressiert sind.

Stilistisch zeigt die Ausstellung im Dangaster Radziwill-Haus, wie sich der „Brücke“- Expressionismus in der Grafik ausbildete. Während etwa die Lithografien Schmidt-Rottluffs, die 1906 in Dresden entstanden, noch sehr dicht und fast unruhig wirken, weitet sich in Dangast der Blick der Künstler und damit das Motiv: Die Landschaften werden luftiger, freier, flächiger. Wo zuvor das Bild bis an den Rand des Papiers ausgearbeitet wurde, reichen nun schemenhafte Kürzel.

Dass die Arbeiten von Heckel und Schmidt-Rottluff mit Bildern von Franz Radziwill (1895–1983) kombiniert werden, macht durchaus Sinn. Zwar haben die drei nie gemeinsam an der Nordsee gearbeitet, eng miteinander verbunden waren sie dennoch. Auf Empfehlung von Schmidt-Rottluff zog Radziwill Anfang der 1920er Jahre nach Dangast und blieb bis zu seinem Tod. Alle drei waren auch in der Ausstellung „Dangaster Künstler“ im Oldenburger Lappan vereint.

Nicht zu vergessen der künstlerische Einfluss der Expressionisten auf Radziwill, der sich in seiner ganz erstaunlichen Grafik dokumentiert. Gewagte Gesichtskürzel erinnern an Schmidt-Rottluffs maskenhaftes „Liebespaar“. Auch die Holzschnitte sind deutlich von den „Brücke“-Malern inspiriert. Dass der Maler seine Grafik nachträglich kolorierte, zeigt aber bereits, was ihm wichtiger war: die Farbe. Und so existieren in Radziwills Nachlass lediglich elf Holzschnitte und 14 Radierungen.

Heckel und Schmidt-Rottluff hatten sich schon in ihrem ersten Dangaster Jahr um eine Mitgliedschaft im Oldenburger Künstlerbund beworben und knüpften Kontakte zur regionalen Kunstszene. Zwar stießen ihre Bilder zum Teil auf Ablehnung und Unverständnis, doch gab es auch viel Sympathie für die jungen Künstler. Eine Rezension von Ernst Beyersdorff in den Oldenburger Nachrichten klingt jedenfalls versöhnlich: „Fallen auch manche Hiebe daneben, in der Hauptsache sitzen sie.“

Das Echo fiel später weitaus unfreundlicher aus, als man den „Brücke“-Malern wegen der starken Farbigkeit ihrer Bilder eine Art Behinderung bescheinigte: „abnorme Augen“. Der Wind an der Küste blies immer schon recht heftig.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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