BREMEN An diesem Abend haben sich im Bremer Schau-spielhaus die Geister geschieden. Als nach zweieinhalb Stunden Regisseur Christian von Treskow und sein Ensemble auf die Bühne traten, mischten sich unter den überwiegend wohlwollenden Applaus auch Unmutslaute – bezeichnend für die Premiere von Ödön von Horváths „Zur schönen Aussicht“ (1929), die gleichermaßen Licht und Schatten bietet.

Die Bühne von Monika Gora hält sich ohne Schnickschnack an die Vorlage: Alpenlandschaft im Hintergrund, dunkles Holz, eine einsame Treppe, das Foyer atmet die miefige Tristesse des Unbewohnten. Im Hotel „Zur schönen Aussicht“ stehen die Zimmer leer. Es herrscht Ebbe in der Kasse. Der einzige zahlende Gast ist die Baronin Ada von Stetten (Gabriele Möller-Lukasz), eine aufgetakelte Lebedame, deren Geld vorm Ruin bewahrt, und die sich dafür das Hotelpersonal ins Bett holt: allen voran Hoteldirektor Strasser (Martin Baum). Kellner Max (Sven Fricke) und Chauffeur Karl (Jan Byl) gehören ebenfalls zum privaten Streichelzoo.

Sie alle sind verkrachte Existenzen, die sich in Zynismus, Suff und Gemeinheiten ergeben haben. Der abgebrannte Bruder der Baronin (Guido Gallmann), und der piefige Sektvertreter Müller (Lutz Wessel) vervollständigen die illustre Gesellschaft.

In diese Runde platzt die junge Christine (überzeugend: Varia Linnea Sjöström), eine Liebschaft des Hoteldirektors. Strasser fühlt sich durch das reine, liebende Geschöpf bedroht. Alle tun sich zusammen zum bitterbösen Komplott, um den ungebetenen Gast loszuwerden.

Zurück bleiben bröckelnde Fassaden: Ada von Stetten, deren Tragik mit jeder fehlenden Schicht von Schminke und Glamourrobe entblättert wird, beschert zuletzt doch noch einen dieser Lichtblicke. Die zeigen das, was bei aller Überzeichnung des ohnehin schon Grotesken zu kurz kommt: dass es vor allem Verlorene sind, die das Stück bevölkern.

Diese Verlorenheit ist schwer zu spüren in der physischen Gedrängtheit: Da wird die Treppe runtergestolpert, Türen knallen, es wird gerannt und gehüpft. „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu“, bekennt Ada. Wohl wahr.

Karten: 0421/36 53 333

Alle NWZ-Theaterkritiken lesen Sie unter: www.NWZonline.de/theater

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.