Berlin Corinna Harfouch schreckt auch vor schwierigsten Frauenrollen nicht zurück. Für Produzent Bernd Eichinger stand sie als „Vera Brühne“ unter doppeltem Mordverdacht vor der Kamera, im Hitlerfilm „Der Untergang“ spielte sie die NS-Vorzeigemutter Magda Goebbels. Am Deutschen Theater Berlin steht die 59-Jährige jetzt in Maxim Gorkis Drama „Wassa Schelesnowa“ als skrupellose Unternehmerin auf der Bühne. In dem Wahn, die Firma ihres Mannes vor dem Bankrott zu retten, richtet sie die eigene Familie zugrunde.

Harfouch gibt dieser berechnenden, eiskalten Frau eine solche Tiefe und innere Gebrochenheit, dass sie selbst als Opfer der Verhältnisse deutlich wird. Bei ihr spielen sich die inneren Kämpfe vor allem im Gesicht und den sparsamen Gesten ab. Dem hochkarätigen Ensemble bleibt so genügend Raum, die Intrigen, Machtkämpfe und Eifersuchtsdramen dieser zerrütteten Familie recht handgreiflich auszuspielen. Nach der Premiere am Freitagabend ungewöhnlich langer, trotzdem nicht wirklich begeisterter Applaus.

Gorki hatte das Stück 1910 nach dem Scheitern der ersten russischen Revolution geschrieben - eine gnadenlose Abrechnung mit der Verkommenheit des kapitalistischen Systems. Regisseur Stephan Kimmig macht mit seiner modernen Interpretation deutlich, wie aktuell das Thema auch in Zeiten von Neoliberalismus und Aktienhype ist. Bühnenbildnerin Katja Haß hat dafür einen leeren, bis auf wenige Metallgerüste skelettierten Raum geschaffen; zwischen den Akten trifft sich das Ensemble zum gemeinsamen Garderobenwechsel auf offener Bühne.

„Diese Familie ist eine gottverdammte, ekelhafte Schlangengrube. Und Du, Mama, bist die Oberschlange“, bricht es auch Wassas Sohn Semjon (Christoph Franken) einmal heraus. Die Mutter hält ihn und seinen Bruder Pawel (Alexander Khuon) auf je unterschiedliche Weise für Versager, weshalb sie selbst mit eiserner Hand Firma und Familie führt.

Nach dem Tod des (unsichtbaren) Vaters ein Stockwerk tiefer bricht die Kombi Infernale endgültig auseinander. Selbst Tochter Anna (Franziska Machens), zwischenzeitlich Wassas einzige Verbündete, hatte es letztlich nur auf das Erbe abgesehen. Davon aber ist kein Rubel (oder Cent) mehr übrig. „Ihr könnt die Schulden erben“, sagt Wassa Schelesnowa nach zwei intensiven Theaterstunden gebrochen. Und wundert sich selbst, wo ihr Hass auf einmal hin ist.

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