BREMEN Es ist ordentlich was los im amerikanischen Nachtclub „Nagasaki“ – man trinkt, amüsiert sich mit Damen und verfolgt die Show des Stars Cio-Cio-San. Diese zeigt die tödlich endende Hochzeit einer Japanerin mit einem Amerikaner.

Das war’s auch schon mit Japan. Regisseurin Lydia Steier mixt sich ihren eigenen „Butterfly“-Cocktail. Und der ist gewürzt mit Zutaten aus Gangsterfilm und Künstlerdrama. Cio-Cio-San, die sich anfangs noch als cooles Showgirl gibt, leidet später zunehmend an Realitätsverlust. Ihre große Arie „Un bel di vedremo“ ist für sie eine Shownummer; entsprechend verbeugt sie sich vor einem nicht vorhandenen Publikum.

Einige Umdeutungen

Variationen über „Sunset Boulevard“ könnte dieser Opernabend auch heißen, denn die Parallele zwischen Butterflys Schicksal und dem von Norma Desmond, einer alternden Diva, ist evident. Auch das restliche Personal der Oper deutet Steier im „Dienste“ ihrer Geschichte um: Butterflys Verehrer Yamadori (Daniel Ratchev) ist ein Gangster aus dem Mafia-Milieu, der es auf das abgewirtschaftete Nachtlokal abgesehen hat.

Und das erreicht er mit rüden Methoden: Seine Leibwächter schlagen Pinkerton zusammen und erschießen ihn schließlich. Auch Suzuki, eigentlich Butterflys Vertraute, beteiligt sich gemeinsam mit dem Konsul Sharpless an dem perfiden Spiel. Am Ende ist Butterfly von allen betrogen und psychisch zerstört.

Steier hat ihre Sicht in ein dichtes, spannendes Spiel umgesetzt und sorgte für einen ungewöhnlichen Theaterabend, auch mit reizvollem Bühnenbild (Gideon Davey). Das Fatale ist leider nur, dass das alles fast nichts mehr mit Giacomo Puccinis berühmter Oper zu tun hat.

Natürlich bleibt seine herrliche Musik, aber die Diskrepanz zwischen Text, emotionaler Musik und Szene erwies sich in Bremen als zunehmend unüberbrückbar. Kitsch und Sentimentalität hat Steier dem Werk zwar gründlich ausgetrieben, aber eben auch die großen Gefühle. Und die sind nun mal wesentlicher Bestandteil von Puccinis „Madama Butterfly“.

Süffiger Klang

Akustisch hingegen erlebte man große Oper. Dafür sorgten Daniel Montané und die Bremer Philharmoniker mit ihrer süffigen, opulente Klangentfaltung nicht scheuenden Wiedergabe. Patricia Andress lieferte ein fein austariertes Psychogramm und erfüllte die Intentionen der Regie optimal. Gesanglich passte der frei strömende, etwas herbe Klang ihrer Stimme gut zur Inszenierung.

Bei Peter Marsh als Pinkerton brauchte man dann keine Angst um hohe Töne zu haben. Er sang die Partie mühelos, aber seinem etwas trompetenhaft geführten Tenor fehlt es doch an italienischem Schmelz.

Martin Kronthaler sang den Sharpless mit etwas unauffälligem Bariton. Barbara Buffy gefiel als Suzuki besonders im Blütenduett. Am Ende gab es Jubel für die musikalische Seite und heftige Buhrufe für die Regie.

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