Bremen /Oldenburg Puppenspieler Leo Mosler schnallt sich die Ganzkörperpuppe mit dem weißen Gesicht und den glänzenden Plexiglas-Augen vor die Brust. Magnete verbinden die Füße von Mensch und Puppe. Gemeinsam sind sie die Hauptfigur Josef K. im Stück „Der Prozess“ nach dem Roman von Franz Kafka. Das Figurentheater „Mensch, Puppe!“ zeigt im Theaterkontor Bremen die zweistündige Inszenierung.

Türen gehen auf und schließen sich. Josef K. wird am Morgen seines 30. Geburtstags verhaftet, jemand muss ihn verleumdet haben. Kafkas Held stemmt sich gegen das System aus Überwachung und Strafe. Während er spricht, öffnet und schließt sich der Mund der Klappmaulpuppe. Dazu Musik. Die drei schwarz gekleideten Puppenspieler mit Anzug und Melone bleiben im Hintergrund. Im Rampenlicht stehen – neben Masken – die Ganzkörper- und Tischfiguren.

Bremens freie Theatertruppe „Mensch, Puppe!“ spielt seit sechs Jahren mit Marionetten, Stab-, Hand-, Klappmaul- und Tischfiguren für Kinder und Erwachsene. Die in London ausgebildete Puppenbauerin Anna Siegrot fertigt die Figuren aus Baumwolle, Gummimilch und Maisstärke. „Vielleicht liegt die Faszination an der hohen Naivität, die Puppenfiguren haben können“, sagt Leo Mosler. Jeannette Luft, diplomierte Puppenspielerin, schätzt die Vielfalt an dieser Theaterform: „Ich kann hier – anders als im klassischen Schauspiel – gleichzeitig in mehrere Rollen schlüpfen.“

Studiert haben die Bremer Bühnendarsteller an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Hans-Joachim Menzel, dort Dozent im Studiengang Puppenspielkunst, schätzt die Figuren, die erst durch die Reaktion des Publikums lebendig werden. „Die Puppe überhöht, sie kann neue Welten eröffnen, weil sie kein Mensch ist, sondern das Abbild des Menschen, ein Charakter wie der Puk, dieser Kobold, der in Shakespeares ,Sommernachtstraum’ sein Spiel treibt. Das hat seinen eigenen Reiz.“

Lars Reben ist in der Garnisonkirche in Dresden der Herr von mehr als 12 000 Theaterfiguren aus aller Welt, es ist eine der umfangreichsten Sammlungen bundesweit. Allein in Deutschland gebe es mindestens 1000 Figurentheaterbühnen, schätzt der Konservator.

„Puppentheater ist ein armes Theater, weil es kaum subventioniert wird, und gleichzeitig ein reiches Theater, weil es den Maßstab des Menschen überschreiten kann.“ Die Figuren seien klein wie ein Finger und dann wieder bis zu zehn Meter groß. Die Verzauberung des Puppenspiels richte sich keineswegs nur an Kinder und sei hoch aktuell.

Diese Aktualität beweist etwa in Oldenburg Tag für Tag das hervorragende Theater Laboratorium mit seinen Inszenierungen. Und selbst Regisseur Alexander Riemenschneider setzt im Theater am Goetheplatz in Bremen auf die Magie einer Puppe.

In seiner „Amerika“-Inszenierung nach Franz Kafkas Romanfragment „Der Verschollene“ spielt eine überlebensgroße Figur die Hauptrolle: Sie verkörpert den 16-jährigen Karl. „Der Roman ist eine Fantasie des Verschwindens“, sagt Riemenschneider. „Deshalb wird der Karl bei uns immer weniger, bis er nur noch Kopf ist.“

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