Bremen /Oldenburg Es gibt keine Vorschrift, nach der jemand, dem ein bestimmter Ruf anhängt, diesen auch immer bestätigen müsste. Nehmen wir Antonio Vivaldi. Der als bescheiden geltende italienische Barockmeister hat mit der Menge seiner fetzigen Musik nach außen hin nie geprunkt. Oder vielleicht doch einmal? „Ich habe 94 Opern komponiert!“, tat der Italiener einmal unbescheiden kund. Wie bitte? Nur die Hälfte ist nachgewiesen. Klar: Großsprecher, Bluffer, Egomanen, die gab es auch im 18. Jahrhundert. Doch Vivaldi?

Das 31. Musikfest Bremen, geplant vom 29. August bis 19. September, liefert am Eröffnungswochenende gute Argumente für den wackeren Antonio. Am 30. August (19.30 Uhr, Staatstheater) gastiert das Ensemble Europa Galante unter Fabian Biondi im Oldenburger Schloss. Auf dem Programm: „Argippo“, Vivaldis Oper konzertant aufgeführt.

Selbst Kenner kennen die kaum. Aber ihre Entdeckung zeigt, dass der Komponist eben wohl doch nicht den Mund zu voll genommen hatte. Die Partitur ist nach 1730 in einem Prager Archiv untergetaucht. Nach Funden dort und weiteren Entdeckungen in Regensburg und Darmstadt wurde die Oper rekonstruiert. Weil Teile fehlen, werden in Oldenburg Arien anderer Komponisten von Hasse bis Porpora eingeschoben. Pasticcio-Oper nennt man ein solches Konstrukt. Es sind noch weitere Opernschätze zu heben.

Vorweg am Nachmittag (30. August, 16 Uhr) können sich die Oldenburger auf den „Prete rosso“, den rothaarigen Priester, einstimmen. „Vivaldi und seine Töchter“ heißt ein Roman von Peter Schneider, aus dem der Autor liest, garniert mit der passenden Musik durch Europa Galante.

Natürlich liegt der Schwerpunkt des Musikfestes in der Hansestadt Bremen. Doch Intendant Thomas Albert verhehlt seine nicht stille Liebe zum Umland keineswegs. Von den 47 Veranstaltungen finden 20 außerhalb statt. „Es gibt herrliche Spielstätten“, schwärmt Alte-Musik-Experte Albert. Da wären: die domartigen Kirchen im Oldenburger Münsterland, die Schlosssäle im Friesländischen oder das Jagdschlösschen Clemenswerth im Emsland.

Was die Bremer ins Umland auslagern, wirkt keinesfalls kleinteilig. So erlebt St. Cyprian und Cornelius in Ganderkesee im Rahmen des wieder ins Musikfest eingebetteten Arp-Schnitger-Festivals am 6. September Bachs „Johannespassion“ mit Vox Luminis. In Westerstede (17. September, St. Petri) gastiert die Haydn-Philharmonie mit der ausgezeichneten Trompeterin Selina Ott.

Kult in Bremen ist gleich der Auftakt am 29. August um 19.30 Uhr in der Innenstadt. Da wird „Eine Große Nachtmusik“ gefeiert. An neun Spielstätten rollt ein Programm mit 27 Einzelkonzerten ab, vom Soloauftritt über Kammermusik bis zum Orchester-Angebot. Jeweils drei wählt sich der Besucher aus.

In den knapp drei Wochen bildet die Glocke das Zentrum des Festivals. Händels „Messias“ in der Fassung von Mozart mit den Musiciens de Louvre aus Grenoble steht an. Mozarts „Zauberflöte“ folgt mit Le Cercle de l’Harmonie. Gern wieder gesehene Gäste sind der Pianist Andras Schiff, der Liedersänger Christian Gerhaher oder Sänger Rolando Villazón. Fazil Say kommt diesmal als Komponist mit der Haydn-Philharmonie.

Das Finale rollt gleich doppelt ab. Mit Haydns „Jahreszeiten“ unter Leitung von René Jacobs endet das Kompaktprogramm am 19. September in der Glocke. Doch es gibt einen fulminanten Nachklapp. An vier Abenden (18./19./21./22. November tischt die Deutsche Kammerphilharmonie unter Paavo Järvi alle neun Beethoven-Sinfonien auf. Diese Aufführungen galten vor einigen Jahren als revolutionär und wurden Referenz-Aufnahmen.

Auf einen Etat von 3,8 Millionen Euro kann das Musikfest zurückgreifen. Genau 32 008 Karten stehen zur Verfügung. Plätze werden im Normalfall kaum frei bleiben.

Oldenburg:„Vivaldi und seine Töchter“. Lesung und Musik. 30. August, 16 Uhr, Schlosssaal; „Argippo“, Oper von Vivaldi, konzertant, mit Europa Galante. 30. August, 19.30 Uhr, Jever: Kammermusik von Telemann, Rameau, Vivaldi, Fasch. 30. August, 17 Uhr, Schloss. Ganderkesee: Johannespassion von Bach. 6. September, Sonntag 20 Uhr, St. Cyprian und Cornelius. Rastede: „Israelsbrünnlein“ – Geistliche Madrigale. 8. September, 20 Uhr, St. Ulrich. Gödens: Schlossmusik mit Quatuor Mosaiques. 10. September, 20 Uhr. Cloppenburg: Eine musikalische Landpartie. 12. September, 18 Uhr, Museumsdorf. Friesoythe: Missa Matris dolorosae mit dem Tölzer Knabenchor. 15. September, 20 Uhr, St. Marien. Westerstede: Haydn-Philharmonie mit Selina Ott (Trompete). 17. September, 20 Uhr, St. Petri.


  www.musikfest-bremen.de 
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