Bremen Wo kommt bloß dieser Gesang her? Ein vielstimmiger Chor füllt fast alle Ebenen der Bremer Kunsthalle mit einer Motette des englischen Renaissance-Komponisten Thomas Tallis. Ikonische Klänge, mal lauter, mal leiser. Die Musik schallt aus 40 Lautsprechern, ein paar Treppen hoch skulptural im Oval gruppiert. Die kanadische Installationskünstlerin Janet Cardiff hat sich die Anordnung ausgedacht, die in der Kunsthalle den Klangteppich für eine spektakuläre Ausstellung ausrollt: Von Samstag an zeigt das Haus in einer bislang einzigartigen Weise Ikonen. Alte und neue.

„Was wir Menschen anbeten“ lautet der Untertitel der Ausstellung, die bis Anfang März 2020 zu sehen ist, wörtlich wie auch im übertragenen Sinn gemeint. „Das ist so noch nie inszeniert worden – weder in Deutschland noch weltweit“, schwärmt Christoph Grunenberg, Direktor der Kunsthalle. Für das Projekt wurde das gesamte Haus auf rund 4500 Quadratmetern Ausstellungsfläche komplett leergeräumt, um es nun ausschließlich mit der Ikonen-Schau bespielen zu können. „In 60 Räumen zeigen wir jeweils nur ein bedeutendes Werk oder eine Werkgruppe“, sagt Grunenberg.

Das ist Luxus. Van Goghs „Selbstbildnis mit grauem Filzhut“, 1887 entstanden, einzig und allein in einem Raum. Flügel und Geige der Installation Konzertflügeljom (1969) von Joseph Beuys – ein Raum. Vor einem leuchtend lavendelfarbenen Hintergrund thront einige Schritte weiter das in ebenso kräftigen Farben von Andy Warhol inszenierte Gesicht der Film-Ikone Marilyn Monroe (1962) – und darf einen Raum beanspruchen. Jeff Koons überwältigender Ballonhund (1994– 2000) – ein Raum. Und natürlich, ganz zu Anfang der Ausstellung, eine russische Ikone aus dem 16. Jahrhundert, ein Mandylion, ein Abbild Christi auf einem Tuch: auratisch in einem Raum.

Es gehe darum, sich jeweils auf ein Kunstwerk einzulassen, erläutert Grunenberg die Grundidee der Ausstellung. „Intellektuell, spirituell, emotional.“ Er hofft auf große Publikumsresonanz. Das Thema sei hochaktuell. „Es gibt eine Sehnsucht nach starken Bildern, nach integren Vorbildern, nach Idolen.“ Die Farbgebung der Wände – Grunenberg hat jeden Raum auf das jeweilige Werk abstimmen lassen – gibt dieser Dramaturgie zusätzlichen Schub. Das gilt auch für die Architektur der Kunsthalle, die von weiten Foyers über klassische Oberlichtsäle bis zu intimen Kabinetten alles bietet.

Die Kunstwerke werden in sechs thematischen Kapiteln präsentiert. So geht es beispielsweise um die Frage, wie sich das Göttliche zeigt, um Ikonen der Moderne, um Wahrnehmung als Erleuchtung. Die Arbeiten reichen von der russischen Ikone über Werke von Caspar David Friedrich, Wassily Kandinsky, Piet Mondrian, Andy Warhol, Niki de Saint Phalle bis zu Andreas Gursky.

Starkult und ikonenhafte Selbstinszenierungen spielen auch eine wichtige Rolle, gern interaktiv: Wer will, kann sich vor einem Abbild der ultimativen Kunstikone, der Mona Lisa, per Selfie inszenieren – und das Ergebnis auf Instagram, Facebook oder Twitter teilen. Hausaltäre dokumentieren, was oder wen Menschen gegenwärtig verehren.

Weltberühmte Leihgaben stammen aus bedeutenden Museen wie dem San Francisco Museum of Modern Art, der Tretjakow-Galerie in Moskau, der Tate in London und dem Van-Gogh-Museum in Amsterdam. Eine Arbeit wurde eigens für die Ausstellung angefertigt. Dabei handelt es sich um ein Porträt des New Yorker Hip-Hop-Tänzers Malak Lunsford, das vom US-amerikanischen Künstler Kehinde Wiley stammt. Der Porträtist von Barack Obama hat es im Stil byzantinischer Ikonenmalerei gestaltet, mit einem stolz-würdevollen Ausdruck.

„Vor zehn Jahren hatten wir die Idee zu der Ausstellung, über Jahre haben wir daran gearbeitet, Leihgaben zu bekommen“, sagt Grunenberg. Er nennt es ein „Herzensprojekt“. Und er will zeigen: Heute wird der Begriff der Ikone inflationär genutzt, hat sich weitgehend von den Heiligenbildern des frühen Mittelalters gelöst.

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