Brake /Freiburg Sie waren Seelenverwandte und 13 Jahre lang befreundet: der Lyriker, Prosaautor und Grafiker Christoph Meckel aus Berlin, und der Lyriker, Prosaautor und Maler Georg von der Vring aus Brake. In der vergangenen Woche, am 29. Januar, starb Meckel im Alter von 84 Jahren in Freiburg, hochgeehrt mit zahlreichen Lyrikpreisen und Auszeichnungen versehen.

Trotz des großen Altersunterschieds von fast 50 Jahren hielt die Freundschaft zwischen Meckel (geb. 1935) und von der Vring (geb. 1889) über 13 Jahre, bis zum Tod von der Vrings im Jahr 1968. Christoph Meckel war es auch, der das Nachwort zu der 1989 erschienenen Gesamtausgabe der Gedichte von der Vrings schrieb.

Schönstes Gedicht

Das Nachwort Meckels endet mit dem Jägerlied von der Vrings („Wär ich ein Wild und lebt ich in Wäldern! Unter der Neige stäubender Zweige ging mir der Winter dahin.“), einem, vielleicht dem schönsten Gedicht von der Vrings. Meckel schildert darin, wie er von der Vring kennenlernte, beschreibt die Eigenheiten von der Vrings, seine Poesie, seine poetischen Motive – und ein wenig den Alltag des Dichters und Ratschläge unter Dichterkollegen: „Sie haben ein Auto? Das wird nicht gut gehn. Der Verkehr da, die Technik verdirbt den Instinkt. Ein Dichter der Auto fährt, macht schlechte Gedichte. Die moderne Lyrik stammt von Autofahrern.“ Das gemeinsame Autofahren gefällt von der Vring trotzdem. Mit der modernen Lyrik hat er es nicht so. Er macht sich keine Illusionen über sein Ansehen: „Lästig dem Ozonverbraucher,/ Nämlich Pfeifenraucher./ Beim Kongress als Fingerzeiger/ Lustlos, nämlich Schweiger. /Für den modischen Lyriktrichter /Zu verdickt als Dichter. („Alter Lyriker“, Gedicht aus dem Nachlass). Er rät Meckel, das Zeichnen zugunsten der Lyrik aufzugeben: „Sie schreiben und zeichnen. das wird nicht gut gehn. Geben Sie bald das Zeichnen auf. Heiraten Sie und schreiben Sie – keine Romane, schreiben Sie Verse!“ Nun mit den Versen kannte sich von der Vring aus, wie mit dem Romaneschreiben.

Und nebenbei bemerkt, die Romane, die er veröffentlichte, waren sein Broterwerb, und wenn auch nicht alles gelang, für seine Romane musste er sich nicht schämen. Mit dem Heiraten kannte sich von der Vring auch aus. Dreimal war von der Vring verheiratet (mit der 1927 frühverstorbenen Malerin Therese Oberlindober, Mutter seiner Söhne Peter und Lorenz, dann bis 1944 mit Marianne Kayser, Mutter seiner Söhne Clemens und Thomas, und ab 1946 mit Wilma Musper). Und Maler war von der Vring auch. Während seiner Zeit als Zeichenlehrer am Mariengymnasium in Jever (1920 bis 1928) entstanden Hunderte von Zeichnungen, Ölbildern und Aquarellen. Das Doppeltalent von der Vring gab seine Malerei freilich zugunsten der Schriftstellerei auf (nachdem er Jever 1928 quasi über Nacht verlassen hatte).

Rat an jungen Dichter

Nach all diesen Vorhaltungen seinem jungen Schriftstellerfreund gegenüber mag Georg von der Vring auch nichts von Meckels politischen Gedichten gehalten haben, die en vogue waren, als die beiden in den 60ern Kontakt hatten, zum Beispiel „Der Pfau“ von Christoph Meckel (bei Wagenbach verlegt): „Ich sah aus Deutschlands Asche keinen Phönix steigen. Räumend mit dem Fuß in der Asche stieß ich auf kohlende Flossen, auf Hörner und Häute“. Bei von der Vring waren die Motive „deutsch“ wie Meckel schreibt: „Wälder und Gärten; Jahreszeiten, Blumen, Mond und Schilf. Sommerregen, tuschelnd, rauschend, delikate Sinnlichkeit nasser Rosen und bebender Zweige“. Meckel hat auch analysiert, was der Grund dafür ist, dass von der Vring, einer der erfolgreichsten Schriftsteller, im Laufe der Jahre in Vergessenheit geriet: „Er wurde von der Kritik geschont, das heißt von Kritik verschont, nicht infrage gestellt.“

Meckel hat sich an von der Vrings Rat, mit dem Zeichnen aufzuhören, nicht gehalten. Ein umfangreiches Werkverzeichnis seines druckgrafischen Werks erschien 2011, 2015 zum 80. erschienen seine gesammelten Gedichte bei Hanser („Tarnkappe“, zugleich Titel seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1956), sein letztes Buch soll im April 2020 erscheinen. Christoph Meckel hat seine Gedichte überwiegend in Kleinverlagen veröffentlicht, von der Vring hatte eine – man kann sagen – Odyssee durch deutsche Verlagshäuser absolviert. Schon sein erster Roman „Soldat Suhren“, der erfolgreiche und erste Anti-Kriegsroman, wurde von zahlreichen Verlagen abgelehnt. Der Spaeth-Verlag veröffentlichte das Buch schließlich, ging jedoch in Konkurs. Von der Vring hatte keinen Stamm-Verlag. Und sein Freund aus gemeinsamen Studientagen, Peter Suhrkamp, verlegte keinen seiner Romane oder Lyrikbände.

Stipendiaten in Rom

1963 war Meckel Stipendiat in der Villa Massimo in Rom, so auch Georg von der Vring. Meckel erinnert sich: „Er saß mit verstopften Ohren auf einer Terrasse, von Pinien und Balustraden umgeben, leidend in Krach und Unruhe Roms, Besichtigungen verweigernd, oft freudlos allein.“ Christoph Meckel erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Georg-Trakl-Preis, den Schiller-Ring der Schiller-Stiftung und den Johann-Peter-Hebel-Preis. Der 1935 in Berlin Geborene studierte Grafik in Freiburg und München und lebte seit 1956 als Grafiker und Schriftsteller in Berlin und zuletzt in Freiburg.

Christoph Meckel hat seinem Dichterfreund 2002 ein Gedicht gewidmet. „Ein alter Mann geht durch den Schnee und singt. Der Schnee fällt in die Höfe ohne Ton, nur eine Amsel schreit und fliegt davon …“, heißt es darin. Das hätte auch von von der Vring stammen können.

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Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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