Bonn Das Wasser kann sehr gnädig sein. Unter seiner Oberfläche verschwimmen die Proportionen, und die Schwere des Körpers fällt ab. Vielleicht ist es dieser Wunsch, die Gesetze des Alterns, des körperlichen Verfalls und der Schwerkraft aufzuheben, der die Männer verbindet, die zweimal in der Woche im Schwimmbad einer französischen Provinzstadt zusammenkommen. Die sieben Männer haben sich für einen Sport entschieden, der weithin mit Frauen assoziiert wird: Synchronschwimmen.

Versprechen

Für die Gruppe scheint darin das Versprechen zu liegen, den trüben Tagen zu entkommen. Vielleicht winkt ihnen ja sogar Beifall für ihre Körperkunst im Becken. Nicht mehr junge, wenig erfolgreich im Leben stehende Männer, die sich fürs Synchronschwimmen zusammenschließen, darüber neuen Lebensmut finden und sich am Ende sogar bei Meisterschaften bewähren, sind nicht zum ersten Mal Gegenstand eines Films.

Wenn der französische Schauspieler Gilles Lellouche mit „Ein Becken voller Männer“ (Kinostart an diesem Donnerstag) nun eine weitere Variante vorlegt, kann man die Vorgänger getrost ausblenden. Weder lädt er die maskuline Rückeroberung des Synchronschwimmens mit misogynen Untertönen auf noch setzt er auf simple Typen-in-Badehosen-Gags. Stattdessen nutzt er präzise soziale Zeichnungen für die heterogenen Charaktere, die sich zu einem Ensemble von selten zu sehender Stimmigkeit ergänzen.

Angestoßen wird die Handlung durch den arbeitslosen Mittvierziger Bertrand, den Mathieu Amalric mit allen Anzeichen des seelisch Niedergeschmetterten spielt, da ihm eine tiefe Depression fast alle Energie raubt. Nachdem Bertrand die Synchronschwimm-Gruppe entdeckt und sich ihr angeschlossen hat, weitet der Film sein Blickfeld auf vier weitere Männer aus: Der Einzelgänger Laurent ist ein Karrieretyp, der sich unnahbar gibt, aber nach seiner Scheidung unter der eingeschränkten Zeit mit seinem Sohn leidet. Marcus steckt voller Ideen, die aber nie zum erhofften Ergebnis führen. Simon hängt nach über 30 Jahren weiter am Traum von einer Karriere als Rockstar, auch wenn er nur in Turnhallen auftritt. Und der gutmütige Thierry wirkt selbst unter seinen Mit-Synchronschwimmern wie der Verlierer unter Verlierern.

Aus diesen Vorgaben spinnt der Film in kurzen Sequenzen ein feines Geflecht aus Porträts von Männern, die sich gegen das Gefühl des Gescheitertseins auflehnen und im Synchronschwimmen und der Weltmeisterschaft in Norwegen ein neues Ziel finden.

Situationskomik

Die kongeniale Besetzung verschafft den Charakteren Mitgefühl: Mathieu Amalric, Guillaume Canet und Benoit Poelvoorde spielen souverän ihre Starqualitäten aus. Jean-Hugues Anglade lässt als erfahrenster der Darsteller in der Rolle des gealterten Sängers Elemente vieler früherer Auftritte aufblitzen; der vor allem als Liedermacher bekannte Philippe Katerine brilliert mit Tolpatschigkeit.

Die restlichen Mitglieder der Schwimmgruppe können ebenfalls Akzente setzen, auch wenn ausgerechnet dem einzigen Nichtfranzosen im Team, dem Singhalesen Avanish, kein detaillierter Hintergrund zugestanden wird. In dem glänzend ausbalancierten Film ist dies eines der wenigen Versäumnisse.

Starke weibliche Figuren bietet der Film mit zwei Schwimmtrainerinnen auf: Delphine versucht die schlaffen Hobbyschwimmer mit leichten Übungen und dem Vorlesen von Poesie zu motivieren – ein halbherziges Trainingsprogramm, mit dem die früher gefeierte Synchronschwimmerin sich einreden will, dass sie als ehemalige Alkoholikerin ein erfolgreiches Projekt betreut. Nach einem Rückfall übernimmt die im Rollstuhl sitzende Amanda das Training, vor deren strengem Regiment keine lockere Haltung mehr Gnade findet.

Der Vielfalt der Charaktere entspricht ein Humor, der von Situationskomik und Ironie bis zum Mittel der Überzeichnung reicht. Eine leichte Melancholie bleibt dabei erhalten. Die ungewöhnliche Sorgfalt der Inszenierung zeigt sich bis in die Kameraarbeit von Laurent Tangy hinein, die das Schwimmbad in einen magisch erscheinenden Sehnsuchtsort verwandelt. Wieso die Figuren gerade hier die Verheißung auf einen Ausweg erblicken, braucht man wirklich nicht mehr zu fragen.

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