Emden Natürlich steht im Programm, was da gerade in der Johannes-a-Lasco-Bibliothek in Emden gespielt wird: Antonin Dvorák. Doch das klingt ja verdammt nach Brahms! Das Hornthema und die Art, wie Markus Künzig Melodie und Sechzehntel-Hüpfer zum Schwelgen bringt, erinnert an den Horn-Weckruf in der D-Dur-Serenade von Brahms. Aber es geht zum Auftakt der „Gezeitenkonzerte“ eben um Dvorák und seine Serenade E-Dur – für Streichorchester.

Streichorchester? Horn? „Wir haben die Urform dieses weltbekannten Werks aufgetan“, erklärt Matthias Kirschnereit. Die ist für ein Oktett mit vier Streicherstimmen, Klarinette, Horn, Fagott und Klavier gesetzt. „Alle Nachforschungen deuten darauf hin, dass wir hier die deutsche Erstaufführung erleben“, vermutet der künstlerische Leiter des Festivals der Ostfriesischen Landschaft.

Eine Fülle von Poesie und freudigem Schwung breitet der Komponist in der gängigen Streicherfassung aus. Die kaschiert das spielfreudige Oktett nicht. Aber Kirschnereit als Pianist, die antreibende Geigerin Tanja Becker-Bender und Solisten der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen malen die fünf Sätze obendrein pastellen bunter. Sie lassen auch die kontrapunktischen Entwicklungen spüren, die hinter dem glatteren Streicherglanz steckt.

Dann aber das Oktett F-Dur von Franz Schubert, D 803, die Krönung des ganzen Genres, mit einem Cello anstelle des Klaviers! Da locken die Bläser die Streicher mit Streicheleinheiten, vorweg Klarinettist Maximilian Krome mit weicher und lyrischer Ansprache, aber keineswegs hinterher Fagottistin Rie Koyama und Hornist Künzig. So opulent ist der Bläserklang, dass man sich davon gut ernähren könnte.

Becker-Bender und Emma Yoon (Violine) und Yuko Hara (Viola) bringen analytische Durchsichtigkeit ein, lassen den Schroffheiten ihre Kanten. Und wenn Tristan Cornut (Cello) und Juliane Bruckmann (Kontrabass) mit ihren Tremoli zum finalen Aufbruch anstacheln, hat das Werk alle Tiefen ausgelotet und alle Höhen erklommen. Die Formation hat dabei ein packendes Gespür für Typus und Atmosphäre der sechs Sätze entwickelt, für diesen Schimmer von Melancholie. Bei aller Ausgewogenheit spüren die Acht auch den Abenteuern in dieser Musik nach.

So kommt das Auftakt-Wochenende der „Gezeiten“ mit den ersten drei Konzerten in Emden, Bargebur und Aschendorf wie eine Verheißung daher. Es wird bis zum 13. August in den noch 29 Programmen belebende Überraschungen und Überrumpelungen geben. Und es könnte allerhand Panade von vermeintlich vertrauter Musik abbröckeln.


Infos und Programm unter   www.ostfriesischelandschaft.de/gezeitenkonzerte 
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