OLDENBURG Der berühmte erste Satz fällt nicht. Wie viel Tolstoi in der Oldenburger Inszenierung von „Anna Karenina“ steckt, ist zunächst einmal ungewiss. Nach mehr als drei Stunden ist aber zumindest eines klar: Kurzweiliger und komischer, musikalischer und russischer geht es kaum.

„Alle glücklichen Familien sind auf dieselbe Weise glücklich, jede unglückliche Familie ist auf ganz eigene Art unglücklich“ – so beginnt das rund 1000 Seiten lange Gesellschaftsdrama um eine Frau, die ihren Mann für einen draufgängerischen Rittmeister verlässt und daran kaputt geht. Ein gewichtiges Stück Weltliteratur, das Armin Petras 2008 zu einem Theaterstück zusammenschnurren ließ – reduziert auf drei Paar-Varianten.

Russische Arien

Regisseurin Anna Bergmann springt in Oldenburg ohne Umstände durch die Jahrhunderte. Sie hat die moderne Textfassung lustvoll angereichert mit Klischees – inklusive Bühnenschnee, Kasatschok, russischen Opernarien und Volksliedern –, aber auch immer wieder humoristisch unterbrochen und gebrochen, so dass sich am Ende ein zeitloses, wenn auch mageres Fazit ziehen lässt.

Bei aller Sehnsucht nach dem großen Gefühl ist die Liebe nicht von Dauer. Oder etwas prosaischer formuliert: Männer und Frauen verstehen einander einfach nicht. Nicht die bigotte Gesellschaft wie noch bei Tolstoi, weniger die Verzweiflung einer Mutter, die sich wegen ihres Sohnes nicht zur Scheidung durchringen kann, sondern dieser beklagenswerte Zustand führt bei der Titelheldin zu den bekannten drastischen Konsequenzen.

Gemäß der Grundannahme, dass Kommunikation unmöglich und Liebe prinzipiell vergänglich ist, spielt die Inszenierung im Großen Haus auf der Drehbühne (Bühne: Constanze Kümmel), die irgendwo zwischen Karussell und Gepäckband angesiedelt ist. Während die Akteure im ersten Teil noch wie Koffer vorbeifahren oder vorbeirutschen, kommt die Drehbühne nach der Pause zum Stillstand, sind alle Träume zerplatzt und jeder ist ernüchtert. Wobei Eva Maria Pichler als schöne Anna zwischen Leidenschaft und heulendem Elend ihre Rolle selbst noch im zweiten Teil ironisch aufbricht. Für ein auf Russisch gesungenes Lied turnt sie bis in den ersten Ring, wo sie eine verdutzte „Sitznachbarin“ anspielt.

Ihr zur Seite stehen Gilbert Mieroph als fader, stocksteifer Gatte Karenin mit unterdrückter Aggression, Sebastian Herrmann als Graf Wronski, der eine Spur zu glatt erscheint, und der Tenor Alexej Kosarev als Annas liederlicher Bruder Stiwa, dessen Akzent hervorragend ins Bild passt.

Durchschnittliche Männer

Generell sind die weiblichen Akteure in dieser Inszenierung blutvoller geraten als ihre männlichen Gegenüber. Anna Steffens als Dascha und Kristina Gorjanowa als Kitty lassen ein bedrückendes Leben zwischen Illusion, rasch verblühter Jugend und durchschnittlichen Männern erahnen. Bleibt noch der schusselige, wehleidige Gutsbesitzer Lewin, der auch als Erzähler fungiert, die Videokamera führt und den Vincent Doddema derart grandios in Szene setzt, das er den ersten Teil fast allein trägt.

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Dass Tolstoi bei Petras und Bergmann eher in homöopathischen Dosen vorkommt, lässt sich verschmerzen. Dafür landet er via Videoeinspielung sogar auf dem Kramermarkt. Und der ist auch nicht viel bunter als diese gelungene Inszenierung.

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Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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