Berlin /Oldenburg Holger Teschke kommt von der Insel Rügen, ist aber auf der ganzen Welt zu Hause. Besonders nach der Wende 1989, nach dem Mauerfall, konnte er befreit aus Ostberlin – wo er bei Heiner Müller am Berliner Ensemble als Dramaturg arbeitete – den Globus bereisen. Seine jetzt im Band „Seezeichen“ veröffentlichten Gedichte aus den vergangenen 20 Jahren atmen diese Reisen und die Weite der Welt.

Selbstverständlich, der 60-Jährige startete aus „dem Hafen meiner Kindheit“, wie es im titelgebenden Gedicht „Seezeichen“ heißt. Natürlich, der Mann aus Bergen auf Rügen hat eine Wohnung in Berlin an der Leipziger Straße. Aber sieht er die auch mal länger?

Eher nicht, der Herr ist nämlich zu gern unterwegs, wovon uns auch seine Gedichte erzählen. Seine rhythmisch freie Lyrik führt uns zum Cape Cod (über das er auch ein herrliches Sachbuch geschrieben hat), an die skandinavische Küste oder ans Tyrrhenische Ufer. Nord- und Ostsee sind in dem neuen Buch thematisch ebenfalls mit von der Partie.

„Brandung schlägt gegen die Mauern/Die Gischt des Vergessens/Treibsand verweht die Stufen hinauf zum Palast“, heißt es in dem Gedicht „Treppe bei Prora“.

In „Oktoberabend“ wird „Der Zug der Wolken nach Norden auf die offene See“ beschrieben, Und in „Ufer bei Lohme“ wird gründlich auf den Pfaden des Malers Caspar David Friedrich gewandelt: „Am Horizont die Geistesschiffe mit zerfetzten Segeln/Bäume stürzen vom Hochufer Kreuze zerbrechen“.

Damit eines klar ist: Teschke weiß, wovon er spricht. Seine „Seezeichen“ sind von ganz viel persönlicher Erfahrung geprägt. Er liebt und schätzt dabei ausführlich das Meer, der Autor fuhr ja auch auf einem Kutter über Jahre zur See. Er ging dann – was man in fast allen Versen spürt – später bei Heiner Müller in die allgemeine Dramen- und Lyrikakademie, und er unterrichtet heute noch, wenn er nicht herumreist, an Schauspielschulen. Teschkes Verse sind gesättigt vom Erlebten und persönlichen Eindrücken. Doch führen sie über das rein Persönliche hinaus – etwa das schönste Gedicht des Bandes mit dem Titel „Brecht am Broadway“: „Der Himmel über Manhattan wie ein Glas Bourbon/Auf dem Balkon in der 124 East 57th Street im Oktober/Hinter ihm die Küste von Kalifornien Orangenbäume und Öl/Vor ihm die Küste New Yorks Ahorn und Aktien“.

Moderne deutsche Gedichte kranken leider häufig daran, völlig beliebig zu sein. Teschkes oft naturnahe Lyrik ist dagegen klar, berührend und klug. Ein Glücksfall für den Leser.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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