Wilhelmshaven Touristen schreiben Postkarten. Komponisten und Instrumentalisten senden ihre Impressionen eben musikalisch. Die spanischen Vorlagen, die das Orquestra de Cadaqués jetzt für das erste Sinfoniekonzert in Wilhelmshaven gewählt hat, sind keine Billigware. Sie sind wertvolle Drucke aus dem Kunst-Atelier. Für ihre feinen Abbildungen werden die Musiker zum Saisonauftakt in der Stadthalle begeistert gefeiert.

Oberflächlich kitschig sind die Postkartenbilder von Isaac Albéniz keineswegs. Das folkloristische Element in seiner „Suite espanola” op. 47 diente nur zu einem Teil dem Geschäft. Zu einem anderen steht es für Rückversicherungen, die Komponisten durch die Verwendung volkstümlichen Materials gegen bedrohlich scheinende Neuerungen vor 1900 abschlossen. Manuel de Falla zeigt sich in seinem Ballett „Der Dreispitz” später zwar freier davon, verleugnet aber die Liebe zum Idiom seiner Heimat nicht. Ravels Klavierkonzert G-Dur und die dem mittleren Schubert nahe Sinfonia a gran orquestra von Juan de Arriaga sind keine eigentlich „spanischen” Kompositionen. Doch iberische Sonne erhellt auch sie.

Die Musiker aus dem Ort an der Costa Brava erweisen sich als packende Verfechter jenes Stils, den Nicht-Spanier spontan als spanisch empfinden. Bei nur 24 Streichern kommen die Bläser prächtig zur Geltung. Die Trompete trumpft bei Ravel herrlich frech auf, kann sonst aber ab und an aufdringlich wirken. Bei klarer Gliederung der Raffinesse der Farbschattierungen entwickelt das Orchester einen angenehm warmen Klang.

In seiner mittleren Besetzung wirkt das Orchester äußerst wendig. Das kommt ihm in der Begleitung des Ravel-Konzerts zupass. Die Solistin Gabriela Montero leistet sich große Freiheiten in den Tempo-Modifizierungen. Sie zeugen von einer enormen musikalischen Natürlichkeit der Venezolanerin. Im Adagio braucht sie einige Momente der Unentschlossenheit, ehe sie wundervoll in diesen breit strömenden Fluss eintaucht. Da tritt Beseeltheit zu den deftigen Tönen der Ecksätze, zu den filigranen Ausspinnungen zwischendurch. Als Montero dann noch über „Yesterday” improvisiert, gerät der Saal vollends aus dem Häuschen.

Indes: Die Stadthalle ist nicht wirklich gut gefüllt. Wirkt da noch ein Sommerloch? Oder deutet es einen gefährlichen Trend an?

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